5.1.1

Die Paläographie
Die Wissenschaft, die sich mit der Entwicklung und den Formen unserer Schrift beschäftigt, nennt sich Paläographie (aus dem Griechischen: palaios = “alt” und graphein = “schreiben”). Sie setzt sich mit der Geschichte der lateinischen Schrift im römischen Altertum, im abendländischen Mittelalter und in der Neuzeit auseinander. Der Zeitraum, den diese Wissenschaft zu fokussieren hat, erstreckt sich damit über mehr als 2000 Jahre! Untersuchungsobjekt der Paläographie sind die unterschiedlichen Ausprägungen von Handschriften. Die mit der Erfindung des Buchdrucks einhergehenden Entwicklung der verschiedensten Druckschriften, ist nicht ihr Thema, sondern das der Typographie.

Schreibmeisterbüchlein, um 1780.

Warum Paläographie?

Schreibmeisterbüchlein

Die Paläographie gehört zu den Hilfswissenschaften, deren Grundkenntnis für viele Historiker von großer Bedeutung ist. Doch warum eigentlich?Und vor allem: Warum soll sollen sich Studierende der Geschichtswissenschaft damit auseinandersetzen. Ich könnte mich schließlich auf den Standpunkt stellen, dass man sich einfach den gedruckten und edierten Quellen anvertrauen kann und in Zeiten der Arbeitsteilung die Mühsal des Entzifferns alter Schriften den Fachleuten – eben: ausgebildeten Paläographen – überlassen darf. Doch – je nach Perspektive: leider oder Gott sei dank – kann HistorikerInnen die Beschäftigung mit der Paläographie nicht erspart bleiben, denn historische Forschung ist zunächst immer Arbeit an Quellen. Zugegeben: Manches historische Dokument ist inzwischen auch in edierter Form verfügbar – und dies ist oft eine große Arbeitserleichterung. Doch handelt es sich bei den derart publizierten Quellen nur um einen geringen Bruchteil der in den Archiven vorhandenen Bestände.

Ein Beispiel: Von den im Konstanzer Stadtarchiv aufbewahrten mittelalterlichen und neuzeitlichen Quellen liegen insgesamt nur etwa 3-5% in edierter und gedruckter Form vor. HistorikerInnen, die also Quellen nicht so zu lesen vermögen, wie sie im Original vorzufinden sind, haben Zugang nur zu einem Minimum der überlieferten Quellen und beschränken sich und ihre Forschungen derart, dass sie eigentlich kaum noch in der Lage sind, Geschichtswissenschaft zu betreiben: Paläographische Kenntnisse sind also unerlässlich, das gilt natürlich v.a. für mittelalterliche oder (früh)neuzeitliche Forschungen. Aber auch wer sich wissenschaftlich mehr dem 19. oder 20. Jahrhundert verschrieben hat, kommt oft nicht umhin, sich mit Handschriften auseinander zu setzen, die ohne paläographische Vorkenntnisse nicht zu entziffern sind. Man braucht sich nur der noch weit ins 20. Jahrhundert gebräuchlichen Sütterlinschrift zu erinnern.

Aufgaben der Paläographie
Eine der zentralen Aufgabe der Paläographie ist also, die Kenntnis unterschiedlicher Schriftarten zu vermitteln und so ein möglichst fehlerfreies Lesen historischer Quellen zu ermöglichen. Wie schon erwähnt hilft sie des weiteren bei der zeitlichen Einordnung undatierter Dokumente, in günstigen Fällen können sogar der Entstehungsort und manchmal auch der Schreiber ermittelt werden. Als Lehre von der Entwicklung und den Formen der Schrift arbeitet die Paläographie methodisch v.a. mit der Inschriftenkunde, der Buchkunde und der Typographie zusammen. Als Hilfswissenschaft dient sie im übrigen natürlich nicht nur der historischen Forschung, sondern auch anderen quellenorientierten Wissenschaften beispielsweise der Kunstgeschichte oder der mediävistischen Philologie.

Ein Beispiel                                                                          
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Barockkursive

Typische Barockkursive, 1707. Aus Gladt S. 202.
Transliteration:
(Johann Bernhard Fischer von Erlach)
Hochgebohrner Reichs Graff Genediger Herr Herr
1707 den 27 8b [Oktober]
Auf Euer hoch Graffliche Genadten mir gegeben[en] genedigen befelh, habe nich Ermangledt alhier daß alleräusterste zu thuen von wegen dass waßer werkh, wie alhier beygeschloßne Spetification zu ersehen ist weill[en] ich mich aber nicht getrautt Solches vor mich selber zu schliß[en] weill[en] die alhier zweyerley Difiqultett[en] sein, daß erste weill[en]die Summa sich waß höher belaufft alß ich gesaget vnd dißer man davon auch nicht abzusteh[en] weiß, weill[en] die Sach[en] alle in particular spetificirdt sein, vnd ehr nur vor seine Mühe [verschrieben u. korr.] die 50 fl[orin] hat

Ein umfangreiches Selbstlernangebot finden Sie unter: www.adfontes.unizh.ch/adfontes.html

Die Universität Zürich bietet hier einen Online-Lehrgang über die Benützung und Auswertung von handschriftlichen Quellen im Archiv.

Literatur

ARNDT, Wilhelm und Michael TANGL. Schrifttafeln zur Erlernung der Paläographie. Berlin 4. Aufl. 1904-1906. Bd. 3: Berlin 2. Aufl. 1904-1906.

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FOERSTER, Hans. Abriss der lateinischen Paläographie. Stuttgart 2. Aufl. 1963 (ND Stuttgart 1981).

GLADT, Karl. Deutsche Schriftfibel. Anleitung zur Lektüre der Kurrentschrift des 17.-20. Jahrhunderts. Graz 1976.

GÜNTHER, Hartmut und Otto LUDWIG. Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung (=Writing and Its Use. An Interdisciplinary Handbook of International Research), 2 Bde., Berlin, New York 1994 - 1996 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 10).

GUTZWILLER, Hellmut. Die Entwicklung der Schrift vom 12. bis ins 19. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Solothurner Staatsarchivs 8) o. Ort 1981.

HEINEMEYER, Walter. Studien zur Geschichte der gotischen Urkundenschrift (Archiv für Diplomatik, Beiheft 4). Köln 2. Aufl. 1982.

LÖFFLER, Karl und Wolfgang MILDE. Einführung in die Handschriftenkunde (Bibliothek des Buchwesens 11). Stuttgart 1997

MAZAL, Otto. Lehrbuch der Handschriftenkunde (Elemente des Buch- und Bibliothekswesens 10). Wiesbaden 1986.

MAZAL, Otto. Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln (Bibliothek des Buchwesens 8). Stuttgart 1986.

PETZET, Erich und Otto GLAUNIG. Deutsche Schrifttafeln des IX. bis XVI. Jahrhunderts. Hildesheim 1975.

SCHNEIDER, Karin. Gotische Schriften in deutscher Sprache. I. vom späten 12. Jahrhundert bis um 1300. 2 Bde.: Text und Tafeln. Wiesbaden 1987.

STIENNON, Jacques. Paléographie du moyen age. Paris 1973.