5.2

Kathrin Enzel, Universität Konstanz

Das Problem
Die Welt ist geschrumpft! Von Hamburg bis Hongkong, von New York bis Sydney werden heute Geschäfte gemacht und Nachrichten darüber verbreitet. Dabei entscheidet das Datum - no future für Börsenkurse von gestern. Dies ist nur auf der Basis einer einheitlichen Zeitrechnung möglich, die erst in diesem Jahrhundert erreicht wurde. Durch verschiedene politische und kulturelle Entwicklungen hat sich hierbei der lateinisch-christliche Kalender durchgesetzt.

Nur noch vage ist den meisten von uns heute vielleicht noch aus dem Schulunterricht bekannt, dass beispielsweise bei den Juden oder Moslems eine ganz andere Jahreszählung, bei den Chinesen dazu noch eine ganz andere Einteilung des Jahres mit abweichenden Monatsbezeichnungen üblich war und zum Teil auch noch ist. In Amerika wird das Datum immer noch in einer anderen Reihenfolge geschrieben als bei uns.

Dass auch in Europa lange Zeit unsere Datierung und die Schreibung des Datums in der heute gebräuchlichen Form alles andere als üblich war, wird einem spätestens nach einem Blick in die Archive, vor allem aber in mittelalterliche Quellen schmerzlich bewusst. Zwar sind die astronomischen Grundlagen von Jahr und Tag für die reine Umrechnung von Daten von Bedeutung, der Historiker hat es aber auch mit den philosophisch-ideologischen und kulturellen Aspekten von Zeitrechnung zu tun: Jahre vor und nach Christi Geburt, Jahre seit Erschaffung der Welt (byzantinische Ära), Verwendung des Festkalenders (Weihnachten, Ostern, Pfingsten...) oder seiner säkularisierten Formen (Muttertag, Vatertag, Tag der deutschen Einheit...).

Bei den Ären ist zu berücksichtigen, dass ihre Einführung oft in erheblichem zeitlichen Abstand vom historischen Epochentag erfolgte, ob es sich um die Rechnung ab urbe condita (ab der Gründung der Stadt Rom), das Inkarnationsjahr, die Byzantinische Weltära, den Französischen Revolutionskalender (ab November 1793, aber die Zählung 1792 beginnend) oder die Faschistische Ära in Italien handelt (rechnet vom Marsch auf Rom 1922). Daher ist auch die ganze mathematisch geführte Diskussion um den Jahrhundert- und Jahrtausendwechsel wenig zielführend.
Bei den Tagesangaben in Mittelalter und Neuzeit findet neben dem römischen Kalender der christliche Festkalender Anwendung, wobei die beweglichen Feste besonders berücksichtigt werden müssen.

Literatur:

    Brinckmeier, Eduard: Praktisches Handbuch der historischen Chronologie aller Zeiten und Völker besonders des Mittelalters, unveränd. Nachdr. der 1882 in Berlin erschienenen 2., vollst. umgearb. und verm. Aufl., Graz 1973.

    Grotefend, Hermann: Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit, durchges. von Jürgen Asch, 13. Aufl., Hannover 1991.

    Grotefend, Hermann: Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit, 2 Bde., Hannover u.a. 1891-1898. Nachdruck Aalen 1970 u. 1984. Bd. 1: Glossar und Tafeln, Bd.2: Abteilung 1: Kalender der Diözesen Deutschlands, der Schweiz und Skandinaviens. Abteilung 2: Ordenskalender. Heiligenverzeichnis. Nachträge zum Glossar.

    Lietzmann, Hans: Zeitrechnung der römischen Kaiserzeit, des Mittelalters und der Neuzeit für die Jahre 1-2000 nach Christus, 3. Aufl., durchges. von Kurt Aland. Berlin 1956.

    Hampson, Robert T.: Medii aevi kalendarium or dates, charters, and customs of the middle ages: With kalendars from the 10. to the 15. century and an alphabetical digest of absolete names of days: forming a glossary of the dates of the middle ages, with tables and other aids for ascertaining dates. 2 Bde., London 1841, Nachdr. New York 1978.

    Cheney, Christopher R. (ed.): Handbook of Dates for Students of English History, reprint with corrections, Cambridge 1996.

    Cappelli, Adriano: Cronologia, cronografia e calendario perpetuo, Terza edizione aggiornata ed ampliata (Manuali Hoepli), Mailand 1969. [Hilfsmittel in verschiedenen Auflagen, wird immer wieder nachgedruckt.]

    DelPiazzo, Marcello: Manuale di cronologia, Rist. anastatica dell'ed. 1969, Roma 1981.

    Grumel, Venance: La chronologie, Paris 1958.

    Maillard F., Tableau pour la détermination de la date de Pâques et du calendrier ecclésiastique, in: Bulletin philologique et historique, année 1967, 1969.

    Freeman-Grenville, Greville S.: The Muslim and Christian calendars: Being tables for the conversion of Muslim and Christian dates from the Hijra to the year A.D. 2000. London 1963.

    Gossler, Marcus: Begriffswörterbuch der Chronologie und ihrer astronomischen Grundlagen : mit einer Bibliographie, 2.,verb. Aufl., Graz 1985.

    Maier, Hans: Die christliche Zeitrechnung, Freiburg u.a. 1991.

    Borst, Arno: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas, Berlin 1990. Durchges. u. erw. Ausg. München 1999.

    Schaller, Hans Martin: Der heilige Tag als Termin mittelalterlicher Staatsakte, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 30, 1974, 1-24.


    Über Chronologiesoftware berichten:

    Bergmann, Werner: Computus und Computer: Chronos - ein Programm zur mathematischen und technischen Chronologie, Historische Sozialforschung 15/1, 1990, 94-117.

    Donche, P.: 'HISTCAL, a program for historical chronology', History and Computing, 2 (2), 1990, 97-106.


    Links zur Chronologie finden Sie jetzt bei der VL - Historische Hilfswissenschaften. Adresse:
    http://www.vl-ghw.uni-muenchen.de/chronologie.html

 

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