5.2.2

Neben diesen astronomisch gebundenen Schwierigkeiten der Kalenderberechnung wird der Historiker bei der Beschäftigung mit früheren Zeiten auch mit einer Reihe eher kulturell bedingter Uneinheitlichkeiten und Abweichungen konfrontiert, von denen die drei wichtigsten, die Frage des Jahresanfanges, der Jahreszählung und der konfessionell bedingten Abweichung des Kalenders hier kurz erläutert werden sollen.

Wann beginnt das Jahr?
Der uns heute vertraute Beginn des Jahres mit dem 1. Januar, der auf der römischen kultischen Kalendertradition basiert, setzte sich in Europa erst seit dem 16. Jahrhundert langsam durch. Das Mittelalter und auch die Frühe Neuzeit kannte neben diesem sogenannten Circumcisionsstil (am Tag der Beschneidung Christi) eine Reihe anderer, vom kirchlichen Festkalender abhängiger Jahresanfänge:
1. Ostern, der sogenannte, vor allem in Frankreich, aber auch in einzelnen Territorien des Reichs (beispielsweise im Erzbistum Köln) übliche Osterstil. Das einzelne Jahr war hier dann verschieden lang, da Ostern jedes Jahr zu einem anderen Termin stattfand. Quellen, die nach dem Osterstil datiert wurden, sind häufig, aber nicht immer daran zu erkennen, dass dem Datum ein Verweis auf das Osterfest beigegeben wurde (post pasces, avant pasques o.ä.).
2. Am ersten Weihnachtsfeiertag, der sogenannte Weihnachtsstil, der in den Quellen in vielen, aber nicht allen Fällen daran zu erkennen ist, dass dem Datum der Vermerk ‘a nativitate’ beigegeben wird.
3. Der sogenannte Annunciationsstil des Marienjahres, nach dem das Jahr mit dem Fest der Verkündigung Marias am 25. März begann. Hier gibt es wiederum zwei Varianten, den ‘stilus Florentinus’, nach dem das Jahr nach unserem Jahresanfang begann und den ‘stilus Pisanus’, dessen Jahresanfang vor unserm Jahresanfang lag.

Wandkalender

Ältere, in Mittelalter und Früher Neuzeit zunehmend immer seltener und oft nur noch lokal gebräuchliche Jahresanfänge folgen der byzantinischen Tradition (1. September vor unserem Jahresanfang)oder der vorcäsarisch-altrömischen Tradition (1. März als Jahresbeginn).

Bei der Datierung von Quellen ist also auch immer danach zu fragen, welcher Jahresanfang in dem Gebiet, aus dem die Quelle stammt, üblich war. Neben den oben angeführten quelleninternen Hinweisen, die dem Datum beigefügt wurden, bietet Grotefends “Taschenbuch der Zeitrechnung” erste Hilfestellung.

Wie zählt man die Jahre?
Seit der Antike und auch noch bis weit ins Mittelalter hinein war eine ganze Reihe von Jahreszählungen üblich, die sich meistens auf  wichtige historisch-politische Veränderungen bezogen: Nach der Regierungszeit von Kaisern, Königen oder auch anderen Amtsträgern (in Rom beispielsweise nach den jeweils amtierenden Konsuln) bzw. im kirchlichen Bereich auch häufig nach den Amtsjahren des jeweiligen Papstes, außerdem häufig nach einschneidenden Ereignissen der eigenen Geschichte, etwa nach der Stadtgründung Roms.

Mohammed

Mohammed bei der Belagerung einer Festung.

 Die Zählung der Jahre nach Christi Geburt wurde im 6. Jahrhundert durch den römischen Abt Dionysus eingeführt und setzte sich schon im Mittelalter als die gebräuchlichste Form der Jahreszählung durch. Im Laufe der Neuzeit wurde sie trotz des christlichen Ursprungs von nahezu der gesamten zivilisierten Welt übernommen, nur im islamischen Bereich hat sich die Zählung nach der Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina erhalten. Dem islamischen Kalender liegt außerdem ein Mondjahr von 254 bis 355 Tagen zugrunde.

Die konfessionelle Kalenderabweichung:
Bis zu einem gewissen Grade hatte Gregor XIII. den Termin für seine Kalenderreform schlecht gewählt. Es gab keine einheitliche katholische Kirche mehr, sondern seit der Reformation und der Glaubensspaltung mindestens drei Konfessionen, die sich am Ende des 16. Jahrhunderts auch noch sehr feindlich gegenüberstanden.

Wie wohl nicht anders zu erwarten war, weigerten sich die Protestanten, eine von einem Papst in die Wege geleitete Reform, und sei es nur die des Kalenders, nachzuvollziehen und mitzutragen und orientierten sich bis ins 18. Jahrhundert hinein weiterhin am Julianischen Kalender. Protestantische Länder wie beispielsweise Großbritannien oder Schweden, aber auch die protestantischen Territorien des Reichs ‘hinkten’ also bis zur Übernahme des gregorianischen Kalenders im Vergleich zu katholischen Gebieten 10 Tage hinterher.

Martin Luther, 1483-1546.

Martin Luther

Dies stellt den Historiker gerade für ein Gebilde wie das Heilige Römische Reich Deutscher Nation vor ein weiteres Einordnungsproblem, da immer danach gefragt werden muss, welcher Konfession das Territorium, in dem ein bestimmtes Schriftstück verfasst wurde, angehörte. Falls es sich um ein protestantisches Territorium handelt, muss man außerdem klären, ob und wann der gregorianische Kalender übernommen wurde.