5.6

Uwe Goppold, Universität Konstanz

Archiv

Der Ort, an dem Sie als Historiker einen Großteil ihrer Arbeit verrichten, ist – neben der Bibliothek und dem heimischen Schreibtisch – das Archiv. Hier finden Sie einen wichtigen Teil der Grundlage ihrer wissenschaftlichen Betätigung: die schriftlichen, aber auch bildlichen Quellen. Von dem aus vergangenen Zeiten auf uns gekommenen schriftlichen Material ist nur ein geringer Bruchteil veröffentlicht worden. Allein dies zeigt, dass dem Historiker, der sich intensiv mit einer bestimmten Fragestellung auseinander zusetzen gedenkt, der Gang ins Archiv kaum erspart bleiben kann, denn viele Quellen sind eben nur hier, nur vor Ort zu finden und zu sichten.
Nun ist die Sache mit der Archivrecherche aber nicht ganz so einfach, denn es gibt eine verwirrende Vielzahl und Vielfalt dieser Institutionen: Staatsarchive, kommunale Archive, Museumsarchive, Kirchenarchive, Privatarchive, Parlamentsarchive, Parteiarchive, Medienarchive, Hochschularchive, Bildarchive, Firmenarchive etc. etc. Hinzu kommt, dass sich in einer Stadt in der Regel mehr als nur ein Archiv befindet. Um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, braucht nur einmal einen Blick auf die Archivlandschaft einer deutschen Großstadt wie
Köln zu werfen.

Die Frage, welches Archiv überhaupt potentiell für die eigene Untersuchung in Frage kommen könnte, sollte also am Anfang einer jeden Archivrecherche stehen.

Es liegt auf der Hand, dass diese Auswahl natürlich in erster Linie von der jeweiligen Fragestellung abhängt: Suchen Sie Material zum Thema „Das Lindauer Bürgertum während der Reformation“, so ist der Besuch im Deutschen Bergbau-Archiv Bochum wenigstens aus wissenschaftlicher Perspektive verhältnismäßig überflüssig, eine Visite im Stadtarchiv Lindau dagegen verspricht ertragreichere ‘Quellenernte’. Bei der Auswahl der in Frage kommenden Archive können oft auch der Sekundärliteratur, in der ähnlich gelagerte Themenkomplexe bearbeitet wurden, nützliche Hinweise entnommen werden. Daneben lässt sich natürlich auch im Internet recherchieren, welche Archive es gibt und welche davon für das eigene Forschungsfeld möglicherweise in Frage kommen.

Haben Sie sich dann entschieden, ein bestimmtes Archiv aufzusuchen, so ist es ratsam, nicht einfach das Notebook unter den Arm zu nehmen und loszufahren. Eine kurze schriftliche, wenigstens aber eine telefonische Anfrage im entsprechenden Archiv wird nicht nur von den dort verantwortlichen Damen und Herren sehr begrüßt, sondern hilft oft auch bei der weiteren Planung: Möglicherweise erfahren Sie dabei, dass das Archiv für den Zeitraum, den Sie bearbeiten wollten, leider gar keine Quellen hat, oder dass es wegen Umbauarbeiten in den nächsten 3 Monaten geschlossen ist. Ist das aber nicht der Fall und der Archivfahrt stehen keine grundsätzlichen Bedenken mehr im Wege, kann es losgehen.

Der Eindruck, den ein Archiv, zumal wenn es sich um eine größere Institution handelt, beim ersten Besuch hinterlässt, ist oft nicht in Worte zu fassen. Meterweise füllen die Bestände die Regale und man fragt sich, wie hier überhaupt etwas zu finden sein soll. Doch keine Angst. Dankenswerterweise haben sich Generationen von Archivaren damit auseinandergesetzt, Ordnung ins Chaos zu bringen. Nichtsdestotrotz ist es ratsam, bei der ersten Visite zunächst einmal um ein Gespräch mit einem der Mitarbeiter im Archiv zu bitten. Dieser kann Ihnen dann unter Umständen schon den ein oder anderen Quellenbestand nennen, dessen Sichtung sich für Sie lohnen könnte. Auf jedem Fall aber wird er Sie in die innere Ordnung der Materialsammlung einführen und Ihnen – so vorhanden – auch notwendige Hilfsmittel zeigen, mit denen Sie sich hier eigenständig zurecht finden können. Wichtig sind hier vor allem die sogenannten Findbücher: Es handelt sich dabei gewissermaßen um Wegweiser durch das Archiv, die Ihnen einen Überblick über dessen Gesamtbestand vermitteln.

Wenn Sie in den Findbüchern Bestände entdeckt haben, die Ihnen lesenswert erscheinen, müssen sie diese Materialien nun auch irgendwie zu Gesicht bekommen. Wie funktioniert das? In der Regel sind die im Archiv vorliegenden Dokumente mit einer Signatur versehen, die auch in den Findbüchern verzeichnet sind. Diese Signaturen sind für die Archivnutzer der Schlüssel zu den Quellen: Wenn Sie in einem Findbuch also Material entdeckt haben, das für Ihr Thema relevant erscheint, so notieren Sie sich die Signatur. Erst dann kann das Material angefordert werden. Wie diese Anforderung dann genau verläuft ist von Archiv zu Archiv unterschiedlich, am besten, Sie informieren sich schon vorher über das entsprechende Procedere. Wenn dann aber die von Ihnen angeforderten Briefe, Dokumente, Akten, Bilder oder was auch immer auf vor Ihnen auf dem Tisch liegen, kann – endlich – die wissenschaftliche Arbeit beginnen.

 

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