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Uwe Goppold, Universität Konstanz

Ordner

Die Wissenschaft, die sich mit den in der Frühen Neuzeit zunehmend anfallenden Dokumenten des schriftlichen Geschäftsverkehrs – den sogenannten ‘Akten’ – auseinandersetzt, wird Aktenkunde genannt. ‘Akten’ – das sind sämtliche Dokumente, die in irgendeiner Weise mit einem bestimmten Amtsgeschäft in Zusammenhang stehen. So gehört z. B. bei einem Gerichtsprozess nicht allein die schriftliche Fixierung des Urteilsbeschlusses zu den entsprechenden Prozessakten, sondern auch sämtliche Verhöre, Zeugeneinladungen, Aussagen, schriftlichen Argumentationen, Anhörungen, Bitten, Einwürfe etc. Im Falle von Geschäftsverhandlungen wird der Gegensatz der Akte zur Urkunde (Diplomatik) besonders deutlich: Während die Kaufurkunde den abgeschlossenen Geschäftsakt im wahrsten Sinne des Wortes zwar besiegelt und rechtsgültig macht, vermag sie über das Zustandekommen dieses Geschäft kaum etwas auszusagen. Will man hierüber genauere Auskunft, müssen die Akten zu dem entsprechenden Geschäft gesichtet werden. Möglicherweise beinhalten diese dann Rechnungen, Konzepte, Verhandlungsprotokolle, aber auch Teile des Briefverkehrs zwischen den Geschäftspartnern.

Am Beispiel des Briefverkehrs wird im übrigen ein für Akten typisches Charakteristikum deutlich: Sollte einer von zwei briefeschreibenden Kommunikationspartnern auf die Idee kommen, den gegenseitigen Schriftverkehr aufzubewahren, besitzt er im Idealfall immer nur die eine Hälfte der insgesamt ausgefertigten Originaldokumente – eben jene, die an ihn gesandt wurden, die selbstverfassten wurden ja versandt. Als Lösung dieses Problems begann man in der Frühen Neuzeit allmählich Schriftstücke, die man verfasst und versandt hatte, zu kopieren, damit man sich auch Jahre später ein genaues Bild vom Verlauf der jeweiligen Verhandlungen machen konnte. Nach Beendigung der so dokumentierten „Handlungen“ (lat. acta = Handlungen) wurden die entsprechenden Akten dann entweder in sogenannten Faszikeln (Aktenheften), Volumen (Aktenbünden) oder Konvoluten (Aktenpaketen) aufbewahrt – und im Idealfall registriert. Probleme der Überlieferung von Aktenstücken gehören auch zu den Forschungsfeldern der Aktenkunde. Daneben vermag sie aber auch den ‘Werdegang’ eines Schriftstücks, das eine bestimmte Behörde, eine Verwaltungsinstanz o.ä. erreichte, sehr genau nachzuvollziehen: Diverse zeitgenössische Vermerke, Namenszeichen und Randbemerkungen – die sogenannten ‘Marginalien’ – auf eben jenem Schriftstück,  verweisen auf den zunehmende Grad der behördlichen Bearbeitung einer Anfrage, Bitte, Forderung u.a. Will man also verstehen, wie die frühmoderne Verwaltung funktioniert hat, muss man auch auf die Forschungen der Aktenkunde zurückgreifen.

 

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