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Mark Hengerer, Universität Konstanz

Was für Historiker Ausgangspunkt des Denkens und Arbeitens sein kann, muss dieser immer wieder neu fragen. In Betracht kommen mehrere Ausgangspunkte: die Überreste der Vergangenheit einerseits und andererseits Fragen an die Geschichte, die sehr häufig aus Fragen oder Problemen der Gegenwart erwachsen.

Anerkannte Quellen neu lesen
Dass Geschlechtergeschichte in der Gegenwart ein so wichtiges historisches Forschungsfeld ist, hängt ganz wesentlich damit zusammen, dass Geschlechterrollen in den letzten Jahrzehnten aufgebrochen sind und dass diese somit als historisch kontingent erfasst werden konnten.
Quellen hierzu hatte es natürlich schon vorher gegeben, in dieser Hinsicht wurden die wenigsten jedoch bearbeitet. Ein Tagebuch wie das des Samuel Pepys aus dem London des 17. Jahrhundert konnte man im Hinblick auf politische Geschichte ebenso lesen, nunmehr lässt es sich aber auch für die Frage der Geschlechterrollen neu erschließen. Man kann also bekannte Quellen für neue Fragestellungen heranziehen.

Dingen Quellenstatus neu zuschreiben
Man kann aber ebenso von neuen Fragen aus sämtlichen Überresten der Vergangenheit Quellenstatus erst zuschreiben. Für eine Geschichte der Entwicklung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert können Landmaschinen und Düngemittelmischungen als Quellen ebenso wichtig sein wie staatliche Subventionsregelungen. Für eine Klimageschichte sind die Luft, wie sie sich gestern zusammengesetzt hat und die Temperatur, die Sie gestern gemessen haben, bereits Quellen.

Samuel Pepy

Samuel Pepys, 1633-1703.

Es ergibt sich so, dass es jenseits der traditionellen Quellengruppen ein unermessliches Feld von potentiellen Quellen gibt. Man sieht im Alltag die Dinge, aber nicht, dass es Quellen sein können. Daraus aber, dass Überreste als Quellengruppe anerkannt sind, folgt noch nicht, dass sie auch wirklich bearbeitet werden, so etwa, wenn niemand mit einer Fragestellung an sie herangeht. Zudem gibt es für weite Teile staatlichen Schriftverkehrs, also anerkannte Quellengruppen, nicht nur Aufbewahrungsregeln, sondern auch Vernichtungsregeln.

Nehmen Sie Ihren Computer oder den Kugelschreiber, mit dem Sie schreiben. Oder die Straßen, auf denen Sie fahren. Werbesendungen, Kinokarten, Flugtickets, Kochbücher. Denken Sie über Globalisierung nach, sind Sie plötzlich von Quellen umgeben.
Daraus folgt nicht allein ein weiter Quellenbegriff. Vor allem folgt daraus, dass es von Ihren Fragen abhängt, ob und welche Dinge zu den Quellen Ihrer historischen Arbeit werden.

 

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