4.2

Und jetzt schauen wir uns an einem Beispiel an, wie es geht. Es dient zum ersten Einstieg, gibt ein Gefühl für die Probleme, mit denen man zu tun hat und tröstet über die vorwurfsvolle Frage hinweg, ob denn wirklich alles so 150% sein muß.

Albrecht,Dieter: Maximilian I. von Bayern, 1573-1651. München: Oldenbourg, 1998, S. 821. (PDF Datei)

Es gibt da wörtliche Zitate

wörtliches Zitat

Es gibt nicht wörtliche Zitate.

nicht wörtliches Zitat

Und es gibt einen Fußnotenapparat.

Fußnotenapparat

Versuchen wir das ganze zu dechiffrieren und fangen vorne an: FN 178. Offensichtlich ein Quellenzitat. Die Fußnote sagt dazu:

"Maximilian an Wallenstein. Ingolstadt 20.4.1632: Dudik, Waldsteins Correspondenz Nr. 25."

Das wirft zunächst mehr Fragen auf als beantwortet werden:

Wer ist Maximilian?
Wer ist Wallenstein?
Was ist mit Ingolstadt?
Was ist mit Dudik? Welcher Dudik, Hans oder Wilhelm? Steht der in der UB?

Kümmern wir uns um Frage 1 und 2 und schauen dazu auf das Titelblatt des Buches.

Titelblatt

Für die Seitenansicht als PDF Datei auf das Bild clicken.

Aha. Es geht also um Maximilian I. von Bayern, dessen Lebenszeit gleich mitgeliefert wird. Darüber weiß man jetzt Bescheid. Der Autor ist offenbar Dieter Albrecht. Das Buch stammt von 1998. So schön so gut.

ABER:
Wallenstein muss man offenbar kennen.
Und: Was ist jetzt mit Dudik?

Schauen wir ins
Literaturverzeichnis .

Literaturverzeichnis

Albrecht, S. 1132.

Da ist der Dudik.

Ein Artikel aus der Zeitschrift mit dem schönen Namen: Archiv für österr. Geschichte 36 (1866), 184-287, was uns sagen will: 36. Band, der aus dem Jahr 1866 stammt. Das letzte sind dann wohl die Seitenzahlen.
Damit kann man in die UB gehen und die Stelle finden.

Man sieht aber auch:

Man kann das "S." vor den Seitenzahlen offensichtlich weglassen.
Abkürzen darf man offenbar auch ("österrr.").
Und hinten ein Punkt nach jedem Titel im Literaturverzeichnis. Komisch, ist unüblich, denkt man sich.

Aber offenbar in Ordnung.
Denn: Albrecht ist reputiert (das weiß man irgendwann) und der Verlag (Oldenbourg) auch (idem).

Es gibt also Freiheiten. Das ist gut so.

Gehen wir zurück zur
Seite 821.

Da sind wir wieder bei Fußnote 178.
Was ist jetzt mit Ingolstadt und der Zahl?
Offenbar ein Brief und sein Datum.
Das steht da aber nicht.
Das heißt: Es gibt offenbar Wissen, das vorausgesetzt werden kann.
Das ist beunruhigend – zunächst.

Der Volltext der Fußnote lautet also etwa so:

Lieber Leser, dieses Zitat stammt aus einem Brief (logisch) von Wallenstein (den man kennen muss) an den Herzog Albrecht I. von Bayern, der in Ingolstadt geschrieben wurde am 20. April 1632. Man kann den Brief nachlesen in Band 36 der Zeitschrift für österreichische Geschichte von 1866. Der Brief ist dort unter der Nummer 25 zu finden, irgendwo auf den Seiten 184 bis 287.

Wenn man das immer schreiben müsste, wäre das ziemlich mühselig. Es ist also vielleicht doch ganz gut, daß man Wissen voraussetzen kann.

Gehen wir zurück zur
Seite 821 , die immer noch Fragen aufwirft.

Da haben wir jetzt das Problem mit der Fußnote 179.

Wer ist Kütner?
Was ist eine Memoriale?
Was um Gottes willen ist Kschw. 6452, fol. 16 ff. – Sicher kein Autor.

Aber eins nach dem anderen.
Kütner ist offenbar nicht so wichtig. Im Haupttext kommt er nicht vor. Lassen wir ihn beiseite. Das tut der Autor offenbar auch.
Das Datum ist schon bekannt.
Ein Memorial (im Zweifel in einem Lexikon nachgucken) ist so etwas wie eine Denkschrift oder Gutachten.
Da hat also jemand eine Art Gutachten über den Tilly geschrieben, das jetzt zitiert wird.

Aber "Kschw. 6452, fol. 176 ff."?

Ein Autor wird das kaum sein, sondern wohl eine Abkürzung: Schauen wir also im
Abkürzungsverzeichnis einmal nach:

Abkürzungsverzeichnis

Albrecht, S. 1122.

Kschw. bedeutet also BHStAM, Abt. I, Kasten schwarz.

Wir sehen aber nicht klar, sondern "schwarz". Und dann noch eine Abkürzung!
Schauen wir nochmal im
Abkürzungsverzeichnis nach:

Abkürzungsverzeichnis

Albrecht, S. 1121.

BHStAM bedeutet also Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München.
Damit kann man etwas anfangen.
Die Telefonauskunft wird das kennen.

Und interne Signaturen (6452, fol. 16 ff.) werden die Leute im Archiv kennen, also kann man damit nach München fahren und nachschauen, ob man "leibskreften" wirklich so komisch schrieb. Oder aber, ob das inhaltlich stimmt und nicht einfach erfunden ist.

Die Archivare werden einem auch sagen, was "fol." soll und warum da nicht "S." für Seite steht.

Was lernen wir bei dieser Gelegenheit für die Formalia?

Zunächst: Quellen zitiert man offenbar unterschiedlich, je nachdem, ob sie ediert sind (Dudik) oder nicht (Archiv). Man kann nun natürlich nur hoffen, daß Dudik ordentlich zitiert: So, dass man das auch wieder nachschauen kann (im Archiv dann wieder).

Wir lernen weiter: Man kann auch in Abkürzungen abkürzen. Wenn der Bestand mit dem schwarzen Kasten im Archiv so oft vorkommt, kann man sich den Hinweis auf das Archiv schenken und aussondern. Das ist beruhigend.

Wir lernen noch weiter: Man muss es nicht immer sooo genau machen. Denn der Satz, der da zitiert wird, steht sicher nicht überall auf "fol. 16 ff.". Man könnte das schon präziser machen, wenn man wollte. Das scheint aber nichts zu bringen (außer unheimlich viel Arbeit).

Damit sind wir bei einem Widerspruch: Alles muss GENAU sein und EINHEITLICH, aber hier ist es nicht so genau wie es ginge und UNHEINHEITLICH ist es auch (siehe Fußnote 184, so steht: "Kschw. 74, fol. 49." Da wird ganz genau gesagt, wo es steht, in Fußnote 179 aber nicht.) Das tut der Reputation des Autors aber keinen Abbruch und hat den Verlag auch nicht gestört.

Offenbar, und das ist ganz wichtig, bleiben Freiräume für Entscheidungen im Einzelfall. Schon wieder! Gott sei Dank.

Man muss demnach nur lernen, wo die sind und wie groß sie sind. Man lernt also:
PRAGMATIK ist in Ordnung.
Das ist sehr beruhigend.

(Für das Archiv kann man sich schon einmal hier die Richtlinie merken (mehr am anderen Ort): Man muss wenigstens wissen, in welchem Karton/welcher Schachtel man wo anfangen muss zu suchen.)

Gehen wir zurück zu
S. 821 .

Dort sehen wir dann noch Fußnote 180: Damit werden wir bereits fertig: Im Literaturverzeichnis nachsehen was für ein Text der von Stadler das genau ist und auf in die UB.

Aber: Was soll das "vgl. auch ebenda 467"?
Offenbar steht da etwas ähnliches, das hier nicht mehr zitiert wird, weil man die Information schon hat.
Der Autor weiß also mehr als er meint, schreiben zu müssen. Man kann also auch Sachen weglassen. Das hört sich wieder sehr gut an.

Andererseits möchte man sein Wissen in der Regel auch ausbreiten - und dem Vorwurf begegnen: “Ja, aber die Seite 467, DIE hat der Dieter Albrecht übersehen, ts ts ts!”

Also: Man fasst sich kurz und weist knapp darauf hin, daß es noch etwas gibt, das man gesehen hat, und was der Leser ja lesen kann, wenn er unbedingt will. Obwohl es nichts neues ist.

Das "ebenda" ist dann wohl so etwas wie eine Superabkürzung. Man spart sich eine ganze Menge Text. Das ist sehr praktisch und man kann es sich merken.

Aber:
Es ist auch gefährlich. Es ist vor allem gefährlich, wenn man in Fußnote 10 sagt: "Ebenda" und damit Fußnote 9 meint. Das wird dann ein Problem, wenn Sie eine neue Fußnote 10 einschieben und aus der alten 10 die neue 11 wird. Wenn dann in 10 etwas anderes zitiert ist, finden Sie den Hinweis in 11 nie und nimmer wieder. Der wird damit zugleich falsch.
Deshalb: Nutzen Sie "Einfügen" + "Querverweis" in Ihrem Computerprogramm und machen sich die Mühe, die Fußnotennummer elektronisch nachzuverfolgen. Sonst produzieren Sie ein unentwirrbares Chaos. Und am Ende muss man per Hand nachsehen. Es schleichen sich fast immer Fehler ein, auch wenn man elektronische Querverweise setzt.
Oder zitieren Sie immer zunächst einmal komplett und erst ganz am Schluss ersetzen Sie die gleichen Angaben durch "Ebenda" – was Sie freilich nicht tun müssen.

Ein Problem schauen wir uns noch an:

In der Fußnote 181 ist etwas zitiert, aber im Haupttext ist gar kein Zitat.
Ist das jetzt UNEINHEITLICH?
Nein.
Es ist sogar der Normalfall (solange Sie nicht mit Quellen arbeiten).
Der Autor referiert, was ein anderer Autor vor ihm schon geschrieben hat und damit man weiß, von wem der Gedanke, das Wissen stammt, weist er auf den anderen Autor hin. Das gehört zum guten Ton (
Das Zitat: Von Sinn und Verwendung der Anmerkung).

Aber:
Nicht alles muss man zitieren. Dass 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, dafür brauchen Sie kein Zitat.

Fragen Sie aber mal in Tschechien, wann der Zweite Weltkrieg anfing. Sie werden dort nicht 1939 hören, sondern 1938.

Sie sehen hier, wann Selbstverständlichkeiten zu einem Problem werden. Andere können anderes mit sehr guten Gründen manchmal anders sehen. Wenn das dann im Zusammenhang wichtig wird (z.B. Westeuropazentrismus in der Geschichtsschreibung zum zweiten Weltkrieg), dann geht das Zitieren auch in diesem Falle los und hören die Selbstverständlichkeiten auf.

Genauso ist es mit den Gegenständen fremden Wissens: Zitieren müssen Sie andere Autoren dann, wenn mit dem Satz eine individuelle Leistung verbunden war oder wenn die Autorenschaft für den Interpretationszusammenhang wichtig wird.

Für die Formalia macht das freilich nur den Unterschied, dass man also auf Literatur auch ohne Quellenzitat oder wörtliches Zitat verweisen kann, es also nicht nur um Quellen geht.

Damit hat man jetzt einen ersten Eindruck, so dass man in die
Systematik des Zitierens einsteigen kann.