1.2

Im Ergebnis muß wissenschaftliches Lesen dreierlei leisten: Es soll den Wissenschaftler in Stand setzen,

  • das bisherige Wissen kritisch zu prüfen
  • die neue Erkenntnis zu verorten, d.h. sie einerseits zum bisherigen Wissensstand in Beziehung zu setzen und sie andererseits wirklich als neu auszuweisen;
  • die Herkunft der eigenen Gedanken und Ideen nachzuweisen (und sie dadurch für die nachfolgende Kritik zu erschließen).

Diese Anforderungen sollten die Aufmerksamkeit beim Lesen lenken. Sie bestimmen zunächst aber auch den Vorgang des Lesens als Tätigkeit. Wer wissenschaftlich liest, der verbindet – wenn er nicht über ein fotographisches Gedächtnis verfügt – lesen und schreiben miteinander. Wissenschaftliches Lesen bedeutet ‘exzerpieren’. Man schreibt auf, was wichtig ist, und zwar in einer Form, daß man später bei der Formulierung eigener wissenschaftlicher Erkenntnis darauf zurückgreifen und die ‘Adresse’ der Informationen, Gedanken, Argumente präzise in einer Anmerkungen angeben kann. Gleichzeitig heißt dies natürlich, daß Anmerkungen in wissenschaftlichen Texten immer mitgelesen werden, ja ihnen geradezu eine besondere Aufmerksamkeit zu kommt.

Buch mit Brille

Wenn die Lektüre der Fachliteratur neben der Quellenanalyse ein konstitutiver Bestandteil in der Hervorbringung von ‘Erkenntnisgewinn’ ist, der sich gleichzeitig in ihrem Bezug zur bisherigen Forschung ausweisen kann, dann muss die Aufmerksamkeit in der Lektüre darauf gerichtet sein, sich nicht nur mit einem Thema vertraut zu machen, sondern gleichzeitig auch bewußt zu erfassen, wie dieses Themenfeld in der Wissenschaft bisher behandelt und in den Zusammenhängen strukturiert wurde.

 Die wissenschaftliche Lektüre richtet sich daher auf

  • die Fakten und Tatsachenbehauptungen der Texte zu einem Gegenstand (die erforschte Wirklichkeit)
  • die zentralen Begriffe, mit denen ein Themenfeld in der Forschung analysiert und strukturiert wird (die Instrumentarien der Beobachtung)
  • die Argumentationsmuster, d.h. die Art und Weise, wie Tatsachen in Zusammenhängen arrangiert und aufeinander bezogen werden (die Beziehung zwischen den Phänomenen)
  • die Deutungen, mit denen Fakten und Zusammenhänge versehen werden, d.h. welcher Sinn ihnen im historischen Prozeß zugewiesen, wie sie verortet werden (die Beziehung zwischen den Phänomen).
Bambusfeder

Obwohl es auch aus wissenschaftstheoretischen Gründen mitunter schwierig ist, beides auseinander zu halten, muss wissenschaftliche Lektüre also darauf gerichtet sein, Erkenntnisse auf zwei Ebenen zu gewinnen. In ihr lässt sich einerseits das Wissen über einen historischen Gegenstand nachvollziehen. Gleichzeitig fügt sich aber die Forschung selbst zu einem Deutungs- und Diskurszusammenhang, in dem unterschiedliche Ansichten über einen Gegenstand auszumachen sind, die ihrerseits als Forschungsgeschichte ebenfalls wiederum Gegenstand historisierender Betrachtung sein können. Die Forschungsgeschichte zu einem Thema ist deswegen ebenso ein legitimer Gegenstand wissenschaftlicher Forschung wie sie selbstverständlicher Teil gegenstandsbezogener Arbeit ist. Erst die Forschungsgeschichte macht den Forschungsstand, von dem aus man seine eigene Frage formuliert, plausibel. Deswegen richtet wissenschaftliches Lesen die Aufmerksamkeit auf die Unterschiede, die zwischen den einzelnen Texten und Autoren zum jeweiligen Thema formuliert sind.

Wissenschaftliches Lesen rechnet aus diesem Grunde auch damit, daß Texte einen argumentativen Gesamtzusammenhang darstellen, der einzelnen Inhaltselementen als Kontext seinen Stellenwert und seinen Sinn gibt. Wissenschaftliche Lektüre muß diesen inneren Zusammenhang eines Textes immer erfassen und man kann fast sagen, daß es um so wichtiger wird, die Argumentationsweise nachzuvollziehen, je selektiver die Interessen und Fragen werden, die man an einen Text richtet.

Wissenschaftliches Lesen zu einem Thema vollzieht sich als ein paradoxer Prozess, der den Leser in den wissenschaftlichen Diskurs hinein führt, um ihn gleichzeitig in eine Position zu bringen, die es ihm erlaubt, sich von ihm zu distanzieren und ihr eigene Erkenntnis entgegenzusetzen. Deswegen gestaltet sich lesen (wie das Exzerpieren) zu einem Thema nie gleichförmig, sondern nimmt einen gerichteten, strukturierten Verlauf. Es ist in einem ganz elementaren Sinn als Lernprozeß zu verstehen, bei dem die Einsichten, die man aus dem schon Gelesenen gezogen hat, die Aufmerksamkeit formen, mit der man sich den nachfolgenden Texten zuwendet. Wissenschaftliches Lesen zu einem Thema fügt sich selbst im Idealfall zu einer ‘Erkenntnisgeschichte’, d. h. zu einem Reflexionszusammenhang, bei dem das Spätere durch das Vorhergehende zwar nicht determiniert, aber doch ermöglicht und beeinflusst wird. Umgekehrt wird das früher Gelesene häufig durch die nachfolgende Lektüre anders gesehen. Gelegentlich wird es sogar überflüssig und kann deswegen im weiteren Verlauf ignoriert und vergessen werden.

Tintenfass

Zum wissenschaftlichen Lesen gehört es, diesen Lernprozeß zu reflektieren, ihn sich selbst bewusst zu machen, indem die Lektüre der Forschungsliteratur von Phasen der Sichtung, der reflektierenden Systematisierung des erfassten Stoffes eingeschoben werden. Dies ist auch deswegen wichtig, weil nur so die Lektüre der Forschungsliteratur dazu beiträgt, sich eine eigene Problemstellung zum Thema zu erarbeiten, deren Ausarbeitung dann ‘Erkenntnisgewinn’ abwerfen kann. Es steuert daher auch die Aufmerksamkeit beim wissenschaftlichen Lesen, daß Wissenschaft sich nicht in der Wiederholung des bereits Geschriebenen erschöpft, sondern sich als lernender und abgrenzender Dialog mit der bisherigen Forschung realisiert, der dann neue Einsichten ermöglicht.

Wenn der eigene Problemhorizont erst einmal formuliert und abgegrenzt ist, wird es möglich, ihn analytisch zu zergliedern und in kleinere Fragekomplexe oder Themenfelder zu zerlegen. Diese fortschreitende Arbeit an der analytischen Durchdringung und der formalen Gliederung des eigenen Untersuchungsgegenstandes begleitet die gesamte weitere Lektüre. Sie wird zwangsläufig die Aufmerksamkeit bei der Lektüre der Forschungsliteratur weiter steuern und sie nach und nach von den großen und (bereits bekannten) Argumentationslinien weg auf Spezialprobleme und Details des Gegenstandsbereiches lenken.