1.3

Die fortschreitende Spezialisierung und Engführung der Aufmerksamkeit im Verlauf der Lektüre zu einem Thema kann sich prinzipiell auf jeden Forschungstext beziehen. Jeder Text ist selektiv zu lesen. Deswegen besteht wissenschaftliche Fertigkeit zu einem nicht geringen Teil in der Fähigkeit, aus umfangreichen Textmengen in kurzer Zeit die im jeweiligen Stadium des Leseprozesses gerade relevanten Informationen herauszuziehen und gleichzeitig den Gesamtzusammenhang eines Textes nicht aus dem Blick zu verlieren.

Dies zwingt gelegentlich dazu, Texte zum wiederholten Male zu lesen. Allerdings legt es diese Entwicklung der Aufmerksamkeit im Verlauf eines Lektürezusammenhanges auch nahe, den Leseprozeß selbst zu strukturieren und die Menge der verfügbaren Forschungsliteratur nach Texttypen zu sortieren, mit der man sich in einer bestimmten Reihenfolge beschäftigt.

Eine solche ‘Ökonomie des wissenschaftlichen Lesens’ sollte an den Anfang der Lektüre Forschungsliteratur stellen, in der die Darstellung der Ereigniszusammenhänge und ihre konventionelle, d.h. in der Forschung gebräuchliche Strukturierung im Vordergrund steht.

Handbuchartikel, die Artikel mancher Sachlexika bieten solche Informationen, wobei zunächst unbedingt über den Horizont des jeweiligen Themas hinaus gelesen werden muß. Diachrone Längsschnittdarstellungen eines Themenfeldes geben eine Orientierung zur Verlaufsgeschichte und möglicherweise zur historischen Verortung der Phänomene; synchrone Querschnittuntersuchungen verankern sie im Strukturzusammenhang einer Epoche.

Nur wenn man sich über politische, soziostrukturelle,  ideengeschichtliche, religiöse usw. Grundgegebenheiten und Grundstrukturen einer Zeit und einer Region in der Gesamtheit informiert, gewinnt man überhaupt eine Perspektive auf das eigene Thema.

Berghahn, Volker: Sarajewo, 28.Juni 1914. Der Untergang des alten Europa, München 1999.

Sarajewo, 28. Juni 1914
Das Dritte Reich

Auch spezielle Studienliteratur eignet sich zu diesem ersten Schritt, da sie meist mit der Absicht verfaßt ist, zentrale Fakten und Zusammenhänge eines Zeitraumes oder einer Epoche hervorzuheben, übersichtlich darzubieten. Neuerdings wird dabei sogar häufig sichtbar getrennt zwischen der Darstellung ‘gesicherter’ Forschungsergebnisse und den aktuellen Forschungskontroversen.

Resümierende ‘Überblicksaufsätze’ in Sammelbänden und Zeitschriften (siehe auch:
CD-ROM Recherche) empfehlen sich ebenfalls in diesem Stadium des Lesens, da sie nicht nur den Themenhorizont erschließen, sondern gleichzeitig auf knappem Raum nachvollziehbar machen, wie die Fachwissenschaft ein Thema diskutiert, welche Fragen und Aspekte im Vordergrund stehen, welche Begriffe dominieren und welchen Zusammenhängen vorrangig nachgespürt wird.

In diesem Stadium des orientierenden und ausgreifenden Lesens ist das Netz der Aufmerksamkeit engmaschig, die Lektüre vollzieht sich erfahrungsgemäß langsam, die Exzerpte gestalten sich umfänglich und genau, da eigene Relevanzkriterien, die es erlauben, aus Fülle der Informationen im Hinblick auf eine eigene Problemstellung auszuwählen, noch kaum zur Verfügung stehen.

Hildebrand, Klaus: Das Dritte Reich, München, 1995.

Erst wenn ein erstes Verständnis vom Thema und seinem Epochenzusammenhang erarbeitet ist, lassen sich Forschungskontroversen mit Gewinn nachvollziehen. Debattenbeiträge, programmatische Aufsätze, Forschungsüberblicke und Sammelrezensionen sollten daher nicht sofort bei Beginn der wissenschaftlichen Lektüre herangezogen werden. (Lesen Sie mehr zum Thema Rezensionen!)

Spätestens jetzt empfielt es sich unbedingt, mit der Lektürearbeit über die Grenzen des Faches in die übrigen Kulturwissenschaften auszugreifen, um sich dort Anregungen zu holen, wie die fraglichen Gegenstandsbereiche etwa von den Sozial- oder den Literaturwissenschaften betrachtet und analysiert werden. Für die Entwicklung einer eigenen
Fragestellung und die Verbesserung des begrifflichen Instrumentariums ist diese Interdisziplinarität des Lesens unerlässlich.

Wenn sich schließlich eine Vorstellung von den relevanten Details und Problemzusammenhängen eines Themenfeldes entwickelt hat und sich eine eigene Perspektive und Fragestellung herauskristallisiert, dann kann die Lesearbeit zu Spezialuntersuchungen übergehen, die in Form von Monographien oder thematisch enger orientierten Artikeln verfügbar sind.

VfZ

Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1998/3.

Die Lektüre der Texte ist jetzt in der Regel auf spezifische Fragen gerichtet. Sie wird notwendig selektiver. Vieles kann jetzt in den Texten häufig übergangen werden. Zweierlei darf sich aber trotzdem keinesfalls ereignen. Die Selektivität darf nicht dazu führen, daß der Blick für den argumentativen Gesamtzusammenhang eines Textes verlorengeht, weil sonst auch das Detail möglicherweise sinnentstellt wahrgenommen wird. Und die Engführung der Aufmerksamkeit darf nie soweit gehen, dass Texte ihren Leser nicht mehr überraschen und ihn nicht mehr auf noch nicht gedachte Gedanken bringen können. Diese Bereitschaft, aus schon Gedachtem für das eigene Nachdenken Funken zu schlagen, bleibt zu jedem Zeitpunkt der Lektürearbeit der Kern wissenschaftlichen Lesens.