1.1

Es kommt also entscheidend darauf an, wodurch sich Wissenschaft auszeichnet. Darauf gibt es in der Wissenschaftstheorie (der Wissenschaft von der Möglichkeit von Wissenschaft und ihren Formen) viele und höchst komplizierte Antworten, die aber mindestens dann, wenn sie auf die Eigenheiten der modernen Wissenschaften in sozialer Hinsicht zielen, in zwei Punkten gleichlaufen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist (unter anderem) auch daran zu erkennen, dass sie auf vorhergehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaut und dass sie (trotzdem) gleichzeitig neu ist.

Wissenschaft treiben heißt, Erkenntnisgewinn in methodisch gesicherter Art und Weise hervorbringen. Dabei bezieht sich die Forderung nach Einhaltung bestimmter Methoden darauf, wie wir uns die Beziehung zwischen unserem Wissen (also unseren Bewußtseinsleistungen) und der ‘Wirklichkeit’ denken. Konkret geht es um die Frage, mit welchen Instrumentarien wir die ‘Eigenschaften’ der Wirklichkeit erfassen – und zwar so, dass die jeweils individuell gewonnenen Einsichten (Erkenntnisse) für andere nachvollziehbar und damit verallgemeinerbar sind. Wenn diese Nachvollziehbarkeit bestätigt wird, werden wissenschaftliche Erkenntnisse als ‘wahr’ bezeichnet, andernfalls als ‘falsch’. Kernstücke des geschichtswissenschaftlichen Methodeninstrumentariums sind die
Quellenkritik und die Arbeit an Begriffen, mit denen wir unsere Gegenstände analysieren und in gewisser Weise auch hervorbringen.

Im Vollzug der Wissenschaft als soziale und institutionalisierte Veranstaltung wurde die Forderung nach Verallgemeinerbarkeit von Erkenntnissen des individuellen Forschers wesentlich dadurch umgesetzt, dass Erkenntnisse generell der Kritik durch die übrigen Erkenntnissubjekte offenstehen. De facto kann diese Kritik von jedem ausgeübt werden. Weil aber die Ausbildung und Verfeinerung des Methodeninstrumentariums schnell zu einer Trennung von Laien und (fach-)wissenschaftlichen Spezialisten führt, wird die Kritik wissenschaftlicher Erkennntnisse zu einem Bestandteil in der Forschungspraxis der modernen Wissenschaft selbst. Ein wesentlicher Teil wissenschaftlicher Tätigkeit besteht im Nachvollzug und der ‘Kritik’ bestehender wissenschaftlicher Erkenntnis.

Auch die Kritik muß sich selbstverständlich auf die methodischen Spielregeln der Wissenshervorbringung beziehen. Die Entscheidung, ob eine gegebene wissenschaftliche Aussage ‘wahr’ oder ‘falsch’ ist, erfolgt deswegen wesentlich auf drei Ebenen. Kritik und Überprüfung wissenschaftlicher Erkenntnisse beziehen sich auf

  • die Felder der Wirklichkeit; im Falle der Geschichtswissenschaft werden sie vor allem durch neue Quellen erschlossen;
  • auf die Instrumentarien, mit denen Wirklichkeit beobachtet wird; das sind in der Geschichtswissenschaften, wie bei allen anderen Kulturwissenschaften, die sich auf eine Wirklichkeit beziehen, die wesentlich durch kommunikativ hervorgebrachten ‘Sinn’ konstituiert wird, die Begriffe, mit denen man beschreibt und analysiert;
  • Annahmen über die (Kausal-) Beziehungen zwischen den Phänomenen der Wirklichkeit; das betrifft im Fall der Geschichtswissenschaft insbesondere auch die Frage, in welcher Weise Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft sind.

Bezogen auf diese drei Bereiche heißt Kritik, dass formulierte Erkenntnis entweder nachvollzogen (und damit als wahr erkannt) wird, oder ihr andere, ‘bessere’ Erkenntnis gegenübergestellt wird.

Diese praktische Umsetzung der Methodenorientierung führt also dazu, daß ‘Erkenntnisgewinn’ immer relativ ist, d.h. sich auf schon vorhandene wissenschaftliche Erkenntnis bezieht, sich in sie einordnet, an sie anknüpft, gleichzeitig aber über sie hinausgeht und neu ist.

Um diese Eigenheit moderner Wissenschaft zu charakterisieren, spricht man in der Sprache der Wissenschaftstheorie davon, daß Wissenschaft selbstreferenziell ist und innovativ. Wissenschaft ist, so kann man auch sagen, damit befaßt, Probleme zu lösen, die sie selbst hervorgebracht hat.

Dies alles hat im übrigen Folgen für die formale Gestaltung wissenschaftlicher Texte. Am sichersten erkennt man sie, bevor man sie noch gelesen hat, daran, daß sie mit Fußnoten und Zitaten ausgestattet sind. Dort ist der Bezug auf die bisherige Wissenschaft schriftlich festgehalten.

Aus diesem allem ergeben sich zwei generelle Ziele wissenschaftlichen Lesens. Man will erfahren,

  • was die Wissenschaft schon zu einem bestimmten Thema weiß, und man will
  • erfassen, wo die ‘Lücken’ sind, die offenen Fragen, d.h. wo der Ort ist, an dem sich neue Erkenntnis plazieren läßt.
Vase

Wie bei einer geklebten antiken Vase ergeben die Einzelteile das Gesamtbild.

Im Ergebnis muß wissenschaftliches Lesen daher dreierlei leisten: Es soll den Wissenschaftler in Stand setzen,

  • das bisherige Wissen kritisch zu prüfen
  • die neue Erkenntnis zu verorten, d.h. sie einerseits zum bisherigen Wissensstand in Beziehung zu setzen und sie andererseits wirklich als neu auszuweisen;
  • die Herkunft der eigenen Gedanken und Ideen nachzuweisen (und sie dadurch für die nachfolgende Kritik zu erschließen).