3.2

Natürlich fällt die Materialsuche umso leichter und ist diese umso effizienter, je mehr man über die verschiedenen Möglichkeiten Bescheid weiß. Deswegen ist es wichtig, sich über dieses Thema möglichst frühzeitig im Studium zu informieren. Aber klar ist auch: das Know-how erlernt man nur in der Praxis, und aller Anfang ist – wie üblich - schwer. Auch wird sich jeder seine individuelle Suchtechnik aneignen, und je nach Zweck und Thema wird ein anderer Weg eingeschlagen werden. Deswegen stellen die im folgenden beschriebenen Vorgehensweisen nur eine, speziell auf die Konstanzer Verhältnisse ausgerichtete Orientierungshilfe dar, jedoch kein allgemeingültiges Patentrezept.

Kompass

Gerade bei der Materialrecherche ist Kreativität gefordert, und manchmal findet man auf unorthodoxen Wegen wichtige Informationen.

1. Der effizienteste und bequemste Weg ist die elektronische (Katalog-)Recherche per Internet oder mit Hilfe von CD-Roms, die in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. So kann man sich von zu Hause oder von einem Unirechner aus in den Koala oder in einen anderen Katalog im Internet (z.B. dem Karlsruher Virtuellen Katalog, KVK) einklicken, einen Suchbegriff wählen und sich überraschen lassen, was der Rechner ausspuckt. Der größte Vorteil dieser Suchtechnik ist, dass in kürzester Zeit eine große Anzahl an Titeln ermitteln und ausgedruckt werden können. Auch weiß man, wenn man mit Hilfe des Koalas recherchiert, sofort, wo das jeweilige Buch in der Unibibliothek aufgestellt und ob es frei ist. Außerdem gelangt man auf diesem Wege auch an ganz aktuelle Literatur, ein unschätzbarer Vorteil im Vergleich zu den anderen Wegen der Literaturrecherche.

Koala

Jedoch gibt es auch Nachteile zu beachten: So kommt man mit Hilfe der elektronischen Katalogrecherche in der Regel nur an Monographien, nicht aber an Aufsätze. Des weiteren hängt das Ergebnis der Suche von den verwendeten Suchbegriffen ab. So gibt der Computer diejenigen Bücher nicht an, die den gewählten Begriff nicht im Titel tragen, auch wenn sie für das Thema, für das man sich interessiert, wichtig sind. Gerade in den Fällen, wo man es mit einem weiten Themengebiet und/oder einer größeren Anzahl von Begriffen mit ähnlicher Bedeutungen (z.B. Konflikt, Protest, Widerstand, Widerständigkeit, Aufstand, Streik, Unruhen u.ä.) zu tun hat, gerät man in Schwierigkeiten.

Ein ähnliches Problem taucht bei fremdsprachigen Titeln auf: mit deutschen Suchbegriffen wird man kaum auf englisch- oder französischsprachige Literatur stoßen. Hieran zeigt sich ein allgemeines Problem der elektronischen Literaturrecherche: Zum einen sollten die verwendeten Suchbegriffe nicht zu allgemein sein, denn dann erhält man eine unendlich lange Trefferliste. Zum anderen ist die Gefahr, dass einem wichtige Publikationen durch die Maschen gehen, umso größer, je spezifischer die Suchbegriffe gewählt werden. Man hat sich immer darüber im klaren zu sein, dass Computer in gewisser Hinsicht ziemlich dumm sind. Deswegen ist die elektronische Recherche eine gute und bequeme Möglichkeit, aber sie ersetzt die traditionellen Wege der Materialsuche (noch) nicht.

2. Um einen Einstieg in ein bestimmten Thema zu finden, sollte man Handbücher, Nachschlagewerke und Lexika zu Rate zu ziehen, weswegen man möglichst frühzeitig die wichtigsten davon kennen sollte. In der Regel findet man hier auch weiterführende Literatur- und Quellenhinweise. Darüber hinaus sollten Monographien oder Artikel herangezogen werden, die einen Überblick über die aktuelle Forschungs- und Literatursituation bieten. Hierbei gilt: Je aktueller diese sind, umso besser. Gute Dienste leistet oftmals der inzwischen 30 Bände umfassende “Oldenbourg Grundriss der Geschichte” (OGG). Die einzelnen Bände behandeln jeweils einen bestimmten Zeitabschnitt von der Antike bis in die Gegenwart, in der Neueren Geschichte unterteilt nach Ländern bzw. Regionen, und enthalten neben einem darstellenden Teil einen Überblick über wichtige Forschungsprobleme und -tendenzen sowie ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis; außerdem sind sie zumeist auf einem relativ aktuellen Stand, da in regelmäßigen Abständen überarbeitete Neuauflagen erscheinen. Für die deutsche Geschichte sind des weiteren die Bände der “Enzyklopädie Deutscher Geschichte” (EDG) zu empfehlen, die analog zum “OGG” aufgebaut ist, jedoch ausgewählten Themen und Problemfeldern gewidmet sind.

3. Die ‘Regalsuche’ ist eine weitere gute Möglichkeit der Materialrecherche, die sich für Konstanzer Studierende aufgrund der Tatsache, dass wir hier eine Freihandbibliothek besitzen, anbietet. Da die Bücher aufgrund sachsystematischer Kriterien aufgestellt sind, bietet es sich an,  an den jeweiligen Stellen die Regale nach interessanter Literatur durchzuforsten. Auf diese Weise entdeckt man oftmals Bücher, auf die man ansonsten nicht gestoßen wäre.

4. Hat man nun erstes Material auf seinem Schreibtisch liegen, dann kann man sich nach dem Schneeballprinzip von Publikation zu Publikation ‘hangeln’. Das heißt, man schaut den Text, die Anmerkungen bzw. Fußnoten sowie das Literaturverzeichnis nach weiterführenden Titelangaben durch. Damit gelangt man nicht nur relativ schnell an eine größere Anzahl von Publikationen, man kann auch Hinweise erhalten über besonders wichtige Veröffentlichungen. Der Nachteil ist, dass man nur retrospektiv nach Literatur suchen kann, d.h. man findet auf diesem Wege immer nur ältere Publikationen. Deswegen gilt wiederum: Je neuer, desto besser  – zumindest wenn es darum geht, nach Material zu suchen und sich einen Überblick über die Forschungs- und Literatursituation zu verschaffen.

In der Regel sind die bisher beschriebenen Mittel und Wege der Informationsbeschaffung für die Anfertigung eines Referates bzw. einer (kleineren) Hausarbeit ausreichend. Für jeden, der eine größere wissenschaftliche Arbeit anfertigen und deswegen einen möglichst umfassenden Überblick über die Literatur und die (gedruckten) Quellen, die für sein Thema erschienen sind, gewinnen will und dazu etwas Zeit und Ausdauer mitbringt, sind zwei weitere Wege von großer Bedeutung und Nutzen; auch mit diesen sollten sich Studierende möglichst frühzeitig vertraut machen und bei Gelegenheit auch anwenden.

5. Eine vorzügliche Möglichkeit, um Informationen zu einem Thema, zu neuerer Literatur sowie zu aktuellen Forschungstendenzen zu erhalten, sind die Fachzeitschriften. Diese sind das Forum, in denen die neuesten Ergebnisse und Entwicklungen der Forschung vorgestellt und diskutiert werden. Auch bieten sie in Form von Forschungs- und Literaturberichten einen Überblick über den Stand der aktuellen Forschung. Deswegen sollte man, um sich auf dem Laufenden zu halten, hin und wieder die letzten Ausgaben zumindest der wichtigsten geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften durchschauen, u.a. die Historische Zeitschrift (HZ), Geschichte und Gesellschaft (GuG), die Zeitschrift für historische Forschung (ZhF), die Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ) oder Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU, mit guten Überblicksartikeln über neuere Publikationen und Forschungstendenzen zu ausgewählten Aspekten und Epochen der Geschichte). Je nach Interesse und Bedarf sollte man auch Zeitschriften zu speziellen Bereichen der Geschichte,  z.B. die Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG), oder die vielfältigen landes- oder regionalgeschichtlichen Zeitschriften (z.B. die Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, ZGO) heranziehen. Aber auch der Blick über die Landes- und Fächergrenzen schadet nicht. Deswegen ist es wichtig, die wichtigen Zeitschriften der benachbarten Disziplinen wie der Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie, der Literaturwissenschaften etc. zu kennen.

Von besonderem Nutzen für die Informationsbeschaffung und eine wichtige Orientierungshilfe sind die in den Fachzeitschriften abgedruckten
Rezensionen. Die meisten historischen Zeitschriften besitzen einen mehr oder weniger umfangreichen Rezensionsteil, in denen neuere Publikationen besprochen werden; es existieren auch reine Rezensionszeitschriften wie “Das Historisch-Politische Buch”. Eine Rezension sollte normalerweise eine Überblick zu Inhalt und Aufbau der besprochenen Publikation umfassen, den Argumentationsgang und die wichtigsten Thesen wiedergeben und diese kritisch bewerten. Jedoch hat man mit einem, je nach Zeitschrift unterschiedlich großem ‘time-lack’ zu rechnen, denn zwischen dem Erscheinungsdatum der Rezension und dem der besprochenen Publikation liegt i.d.R. ein Zeitraum von zwei oder mehr Jahren. Wesentlich schneller über Neuerscheinungen wird man dagegen auf einigen Homepages im Internet, die sich  speziell an Historiker richten und auch Rezensionen veröffentlichen (z.B. H-Soz-u-Kult, Server Frühe Neuzeit), informiert.

6. Last, but not least ist noch auf die Bibliographien hinzuweisen, v.a. die Fachbibliographien zur Geschichtswissenschaft wie den ‘Dahlmann-Waitz’ oder die “Jahresberichte zur deutschen Geschichte” . In diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren durch den Einzug der neuen Medien ein Wandlungsprozess vollzogen. Waren die ‘klassischen’ Bibliographien zumeist dickleibige und unhandliche Bücher, so setzt es sich zunehmend durch, dass Bibliographien (auch) auf CD-Rom erscheinen, die dem Benutzer vielfältige Recherchemöglichkeiten bieten. In der Konstanzer Bibliothek sind viele davon erhältlich bzw. man kann direkt über die Bibliothekshomepage (siehe:
‘Datenbanken’) auf sie zugreifen. Auch wenn mittlerweile die Bedeutung der “klassischen” Bibliographie aufgrund der immer besser werdenden Möglichkeiten der elektronischen Recherche relativiert worden ist, sollte man sich mit deren Benutzung vertraut machen. Denn nicht nur werden auch in Zukunft viele wichtige (insbesondere die älteren) Bibliographien nur in Buchform erhältlich sein, auch bieten diese bei der Materialsuche ein paar Vorteile gerade im Vergleich zur elektronischen Recherche. Denn gerade die Tatsache, dass in diesen i.d.R. die Publikationen systematisch nach Sachgebieten geordnet und damit anhand inhaltlicher Kriterien zusammengefasst werden, ermöglicht es, gezielt einen Überblick über das wichtigste Material zu gewinnen, wobei neben Monographien i.d.R. auch Aufsätze sowie (gedruckte) Quellen verzeichnet werden. Darüber hinaus ist bei den Fachbibliographien i.d.R. ein vergleichsweise hohes Maß an Sicherheit gegeben, dass man tatsächlich die wichtigsten Publikationen, die zu einem Sachgebiet veröffentlicht wurden, auch aufgeführt findet. Jedoch ist in Bibliographien selbstverständlich nur Material abgedruckt, das vor dieser erschienen ist. Ältere (geschlossene) Bibliographien sind deswegen nur noch sehr bedingt von Nutzen für die Materialsuche.