1.4 Zusammenfassung und Ausblick: Geschichte und  Subjektivität
Deko

Fragt man in den dargestellten Geschichtsentwürfen nach der Positionierung des Einzelnen in der historischen Unendlichkeit, so lassen sich diese Modelle als Wissen um Kontinuität, Teilhabe am kollektiven Gedächtnis und Selbstverortung durch eigene Erinnerung charakterisieren:

Geschichte im Paradigma der Kontinuität und Totalität
Ausgangspunkt ist die Annahme einer objektiven Vergangenheit, die zu erschließen Aufgabe des Historikers ist. Er weist zugleich dem Einzelnen seinen Platz in der Geschichte zu. Die Aneignung historischen Wissen ermöglicht es dem Individuum, seinen Ort im Gesamtzusammenhang ‘dieser’ Geschichte zu finden und zu benennen.

Geschichte im Paradigma der Kollektivität
Ausgangspunkt ist die Deutung von Vergangenheit, die sich Menschen einer bestimmten Zeit geben und die sie dann tradieren durch Gedenken (‘kollektives/kulturelles Gedächtnis’). Der Platz des einzelnen Menschen bestimmt sich durch seine Teilhabe an der Sinngebung seiner kollektiven Deutungsgemeinschaft. Aufgabe des Historikers wird die Offenlegung der Strategien und Mechanismen solcher Vergangenheitskonstruktionen.

Geschichte im lebensgeschichtlichen Paradigma
Ausgangspunkt ist ein tiefreichender Paradigmawechsel, der den Menschen nicht mehr einer Vergangenheit, sondern die Vergangenheit dem - einzelnen - Menschen zuschreibt. Der Mensch nimmt seine Verortung in der Zeit über eine individualisierte Erfahrung und Wahrnehmung von Vergangenheit vor. Damit ist in unserem Zusammenhang allerdings keine inhaltliche, sondern eine methodische Verknüpfung gemeint. Man kann dies als erinnerungstheoretische Position bezeichnen.

Die letzte Position stellt den Historiker vor schwierige und noch weithin ungelöste Probleme. Doch immer mehr Menschen, vor allem die jüngeren, definieren sich über individualisierte Erfahrungen und Erinnerungen. Zum Beispiel verwandelt sich das Familiengedächtnis in individualisierte Familienerinnerungen. Auf diese Individualisierung der Erinnerung müssen sich die Historiker einlassen, wenn sie das Zeit- und Vergangenheitsbewusstsein der heute lebenden Menschen erreichen wollen.

Augen

Eines der vielleicht wichtigsten Probleme ist für den Historiker dabei, dass er die Geschichte erinnerungstheoretisch re-konstruiert, zugleich aber selbst als Individuum in einem lebensgeschichtlichen Kontext mit seinem Thema steht. Mit anderen Worten: Welche Rolle soll 

der Subjektivität des Historikers im Feld einer erinnerungstheoretischen Geschichtsschreibung zukommen? Nur vereinzelt wird die Subjektivität des Wissenschaftlers als Voraussetzung historischer Erkenntnis diskutiert. Das ist nur zu verständlich, denn der zentrale Kritikpunkt an solchen Positionen lässt sich unschwer formulieren: Eine Antwort auf die ‘historische Frage’ im lebensgeschichtlichen Paradigma muss sich bewähren auch für eine Geschichte, die älter ist als ich und für eine Geschichte, die nicht die meine ist. Es bleibt vorerst nur zu erahnen, wie sich Chartiers vorsichtiger Optimismus erfüllen soll:

“Die Historie ist ein Ort des Experimentierens, ein Verfahren zum Aufweiß von Differenzen. Ein Wissen vom anderen und insofern ein Wissen von uns selbst” (Chartier, 1991, S. 299).

Literaturhinweise:
Die vorgestellten Überlegungen basieren in zentralen Teilen auf meiner Abhandlung:
Geschichte als Wissen, Gedächtnis oder Erinnerung? Bedeutsamkeit und Sinnlosigkeit in Vergangenheitskonzeptionen der Wissenschaften vom Menschen, in: Clemens Wischermann (Hg.): Die Legitimität der Erinnerung und die Geschichtswissenschaft, Stuttgart 1996, S. 55-86.

Aleida Assmann: Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee, Frankfurt am Main u.a. 1993.

Jan Assmann: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann / Tonio Hölscher (Hg.): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988, S. 9-19.

Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.

Hans Michael Baumgartner: Kontinuität und Geschichte. Zur Kritik und Metakritik der historischen Vernunft, Frankfurt am Main 1972.

Dietrich Benner: Zur Fragestellung einer Wissenschaftstheorie der Historie, in: Wiener Jahrbuch für Philosophie 2 (1969), S. 52-97.

Alessandro Cavalli: Soziale Gedächtnisbildung in der Moderne, in: Aleida Assmann / Dietrich Harth (Hg.): Kultur als Lebenswelt und Monument, Frankfurt am Main 1991, S. 200-210.

Roger Chartier: Historie oder das Wissen vom Anderen, Nachwort zu Michel de Certeau: Das Schreiben der Geschichte, Frankfurt am Main 1991, S. 289-299.

Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften, VII. Band: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 4. unveränderte Aufl., Stuttgart / Göttingen 1965.

Johann Gustav Droysen: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, hrsg. von Rudolf Hübner, 6. unver. Aufl., München 1971.

Émile Durkheim: Les Règles de la Méthode Sociologique, 1895, dt.: Die Regeln der soziologischen Methode, Neuwied 1961.

Ferdinand Fellmann: Lebensphilosophie. Elemente einer Theorie der Selbsterfahrung, Reinbek bei Hamburg 1993.

Sigmund Freud: Gesammelte Werke, hrsg. von Anna Freud u.a., Achter Band, 5. Aufl., Frankfurt am Main 1969.

Maurice Halbwachs: La Mémoire Collective, Paris 1950; dt: Das kollektive Gedächtnis, Stuttgart 1967; ders.: Les Cadres sociaux de la mémoire von 1925 (dt.: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1985).

Lucian Hölscher: Geschichte als „Erinnerungskultur“, in: Kristin Platt / Mihran Dabag (Hg.): Generation und Gedächtnis,  Opladen 1995, S. 146-168.

Friedrich Jaeger / Jörn Rüsen: Geschichte des Historismus, Eine Einführung, München 1992.

Alice Kohli-Kunz: Erinnern und Vergessen. Das Gegenwärtigsein des Vergangenen als Grundproblem historischer Wissenschaft, Berlin 1973.

Les Lieux de Mémoire, sous la direction de Pierre Nora, I. La République, Paris 1984; II. La Nation, Paris 1986; III. Les France, Paris 1992 (3 Bde.).

Jörn Rüsen : Grundzüge Einer Historik, 3 Bde., Göttingen 1983-1989.