1.3

Vollzogen sich Vorgänge sozialen Wandels früher in Zeitvorstellungen von mehr als einem Menschenleben, so werden in der Moderne Umschwünge sozialen Wandels mehrfach in einem Menschenleben erlebt. In der vorindustriellen Welt repräsentierte die Lebenswelt ein hohes Maß an Konstanz. In der modernen Gesellschaft hingegen hat die Lebenswelt die Rolle der schnellen Vergänglichkeit übernommen, der gegenüber der Mensch erst ein gewisses Maß an Kontinuität herstellt. “Die verkürzte Lebensdauer der Alltagsobjekte ist ein anschauliches Beispiel für diesen Vorgang. Früher war das durchschnittliche Lebensalter der Dinge in der Regel länger als dasjenige der Menschen, die sie benutzten.
Alltagsobjekte vergegenständlichten ein Stück des Familiengedächtnisses und wurden somit zu Symbolen der Kontinuität zwischen den Generationen. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß die Mehrzahl der uns heute umgebenden Objekte alles andere als dauerhaft ist. Selbst Wohnungen sind Konsumgüter geworden, und es wird immer seltener, daß dieselbe Person oder dieselbe Familie ihr ganzes Leben in derselben Wohnung verbringt” (Cavalli, 1991, 201).

Bild

Mit anderen Worten, die Einbettung des einzelnen in eine dauerhafte gegenständliche Welt zerbricht ebenso wie seine Zugehörigkeit zu einem generationenüberdauernden sozialen Bezugssystem. Damit aber muss es zu einer Neuorientierung auch der Gedächtnisbildung kommen.
Wahrscheinlich nimmt diese Aufgabe im ‘bürgerlichen Zeitalter’ zunächst die Institution der Familie auf, die nun zum sozialen Kern der Gesellschaft erklärt wird und die die Weitergabe zwischen den Generationen privatisiert und intimisiert (‘Familiengedächtnis’).

Von darüber hinaus gehender Bedeutung für den Umgang mit Geschichte wird im 20. Jahrhundert die Zuschreibung der Gedächtnisbildung an das Individuum als Resultat der Verschiebung von Zeit und Wandel im lebensgeschichtlichen Horizont.In mehreren Entwürfen unterschiedlicher Wissenschaften und Denkrichtungen versuchte man, Modelle individualisierter Gedächtnisbildung zu entwerfen. Denn wendet man die ‘historische Frage’ auf der lebensgeschichtlichen Ebene an, so wird nicht mehr das Ganze oder ein Kollektiv, sondern das einzelne Subjekt zur Schnittstelle von Vergangenheit und Gegenwart und erhält die Aufgabe, selbst Ordnung in das Chaos möglicher Wahrnehmungen von Vergangenem zu bringen. Die Anbindung historischen Verstehens an eine lebensgeschichtlich verfasste Erinnerung trat in den Mittelpunkt. Ihren prägnantesten Ausdruck fand sie im Umkreis der Lebensphilosophie und in der Begründung der Psychoanalyse. Beide Denkrichtungen stellen zugleich in sich konträre Zugänge zu einer lebensgeschichtlich verfassten Vergangenheit dar.

Geschichte als Lebensgeschichte nahm bereits in den Anfängen der Lebensphilosophie einen festen Platz ein. Das Werk vor allem Wilhelm Diltheys erlebt heute eine Renaissance. Geschichtliches Verstehen vollzieht sich nach Dilthey in Analogie zur menschlichen Erinnerung. Diese bewahrt nicht unterschiedslos alles auf; zugleich steht alles, was sie aufbewahrt, in irgendeiner Beziehung zueinander. Woran aber entscheidet sich nach Dilthey, was in der Erinnerung behalten und was vergessen wird? Der Mensch “hat in der Erinnerung die Momente seines Lebens, die er als bedeutsam erfuhr, herausgehoben und akzentuiert und die anderen in Vergessenheit versinken lassen” (Dilthey, 1965, S. 200). Das Bedeutsame also wird in der Erinnerung bewahrt, das Bedeutungslose hingegen vergessen; was bedeutsam ist, entscheidet sich an seiner Wirksamkeit für das Leben. Das Ganze, das diese Beziehung leistet, ist die eigene Lebensgeschichte.

Am Punkt des Vergessens setzte die psychoanalytische Theorie Freudscher Prägung mit einem konträren Erklärungsmuster ein. Sie fragte explizit nach dem Sinn und der Wirksamkeit vergessener Vergangenheit.
Aus seiner frühen psychoanalytischen Praxis bezog Freud die Erfahrung, dass viele Leiden seiner Patienten mit einer zwanghaften Wiederholung in ihrem gegenwärtigen Lebenszusammenhang scheinbar sinnloser Phänomene einhergingen. Die Ursachen für solches Verhalten waren den Patienten nicht zugänglich, sie hatten sie ‘vergessen’.

Freud

Sigmund Freud, 1856-1939.

Freud zog aus seinen Beobachtungen den Schluss, dass die Ursachen in Teilen der lebensgeschichtlichen Vergangenheit seiner Patienten liegen mussten, die nicht mehr unmittelbar zugänglich, aber weiter wirksam waren. Freud stellte Diltheys ‘naive’ Erinnerungstheorie ‘auf den Kopf’: Er fand in den Ungereimtheiten, Lücken und Ähnlichem der von ihm untersuchten Lebensläufe nicht das Bedeutungslose, sondern das Bedeutungsvolle. Dieser berühmte Prozess der Verdrängung ist vor allem dadurch hervorgehoben, dass er nicht zufällig und chaotisch auftritt, sondern dass er eine Strategie verfolgt und die heißt Konfliktvermeidung: “Das Gedächtnis ist parteiisch und gerne bereit, alle jene Eindrücke von der Reproduktion auszuschließen, an denen ein peinlicher Affekt haftet.” (Freud, 1969, S. 393) Was einem selbst und dem Beobachter in dem erinnerungsfähigen Teil der Lebensgeschichte entgegentritt, ist also eine künstliche Einheit, die die Lücken, Brüche und immer neuen Zusammensetzungen aus jeweiliger Gegenwartsabsicht überdeckt.

Stacheldraht

Mit der Ausnahme von Facetten der Biographieforschung und der ‘Oral History’ hat sich die Übernahme eines lebensgeschichtlichen Paradigmas in der Geschichtswissenschaft bislang nicht durchsetzen können. Am lebensgeschichtlichen Paradigma orientierten Antworten auf die Frage ‘Was ist Geschichte?’ ist in der Regel gemeinsam, dass sie eine aktive Erinnerungskompetenz in den Mittelpunkt des historischen Geschehens rücken. Der kritische Punkt für die historische Forschung ist die Tätigkeit der Erinnerung selbst.

Das alles dominierende Erinnerungsphänomen war und ist der Holocaust. Ihm galt ganz überwiegend die Suche nach authentischen Zeugenberichten. So war nur zu verständlich, dass für die Beobachter lange Zeit die unveränderte Bewahrung einer möglichst ‘wahren’ Wirklichkeit im Vordergrund stand. Der Erinnerungsprozess selbst, seine Mechanismen, Strategien und Folgen für das, was als Geschichte gelten soll, blieben oft ausgespart. 

Im Verständnis der neueren Erinnerungstheorie gibt es allerdings keine ‘richtige’ Rekonstruktion einer Lebensgeschichte; keine im frühen psychoanalytischen Sinne wahre Lebensgeschichte kommt in der Erinnerungsarbeit zum Vorschein, sondern Lebenserinnerung orientiert sich immer an den Erfordernissen der Gegenwart. In der Erinnerung wird die Lebensgeschichte immer wieder neu zusammengesetzt. Das Ziel kann dann nicht die Suche nach den wahren Ursprüngen sein, sondern die Offenlegung der Deutungsmuster, die zu bestimmten Zeiten als lebensgeschichtliche Antwort auf die historische Frage anerkannt wurden. Deren Erarbeitung durch den Historiker lässt sich zwar bislang allenfalls in den Konturen bestimmen, ihre radikalen Folgen für das Selbstverständnis einer historischen Wissenschaft sind aber bereits deutlich benennbar:

“Historische Deutungen vergangener und zukünftiger Ereignisse zentrieren sich immer und unvermeidlich um (individuelle und kollektive) Erlebnisse und Erfahrungen. Wenn sich diese nun, wie jede temporale Analyse von Erinnerungen zeigt, an unterschiedlichen Raum- und Zeitpunkten um unterschiedliche historische Deutungshorizonte bilden, dann läßt sich das Konzept einer Einheit der Geschichte empirisch nicht mehr halten. Geschichte, als historische Totalität verstanden, ist dann weder kausal aus ursprünglichen Ausgangsbedingungen noch teleologisch auf einen gegenwärtigen oder zukünftigen Zustand hin zu entwerfen, sondern zentriert sich um jeden Raum- und Zeitpunkt als dessen empirische Mitte” (Hölscher, 1995, S. 165).