4.1

Aus einer gesellschaftlichen Krisenerfahrung heraus konnte sich im 19. Jahrhundert der Historismus als Geschichtswissenschaft etablieren. Denn er bot eine für seine Zeit erfolgreiche Antwort auf die ‘historische Frage’ im Umbruch zur ‘Moderne’ an: In dem scheinbaren Chaos von Wahrnehmungen von Vergangenem hellte der Historiker die Ordnung der in ihr liegenden Kontinuität auf und entwickelte Kategorien und Methoden für eine wissenschaftliche Erfassung. Geschichte als so verstandene Wissenschaft prägte langanhaltend unsere Geschichtsauffassungen und konnte sich gegen konkurrierende Synthesen geschichtlicher Totalitätsvorstellungen (Heilsgeschichte, Aufklärungshistorie) durchsetzen.

Rad der Zeit

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts war die neue Geschichtsbetrachtung vor allem in Deutschland derart erfolgreich, dass sie sich im offiziellen, universitären Bereich faktisch als die einzige Auffassung von Geschichte durchsetzte. Geschichte wurde zur Wissenschaft; es gab eine ernstzunehmende Geschichte nur noch als Wissenschaft, neben der andere Weisen und Formen geschichtlicher Erfahrung in den vorwissenschaftlichen oder alltäglichen Bereich verwiesen wurden.

Geschichtswissenschaft basierte in der Konzeption eines der bedeutendsten Geschichtstheoretiker des 19. Jahrhunderts, Johann Gustav Droysens, auf drei fundamentalen Prinzipien, nämlich

  • einmaliger Bestimmtheit,
  • fortwirkender Bedeutsamkeit und
  • fortschreitender Kontinuität des Geschichtlichen.

Was Geschichte denn sei, bestimmt die Droysensche Historik vor allem als Gegensatz zur Natur: Geschichte ist “das im Bleiben Veränderliche, im Gleichen Wechselnde”, also der Wandel in der Zeit. Für seine Gegenwart stellte sich Droysen die Aufgabe, das bisherige Chaos der Wahrnehmungen von Vergangenem (d.h. eine ‘nur’ gelebt erlebte Vergangenheit) zu beenden und Kriterien für eine wissenschaftliche Erfassung zu entwickeln. Was stellt - wieder in Analogie zur Natur - die bewegende Kraft und Ursache in der menschlichen Geschichte dar? Die bewegende Ursache ist nach Droysen der menschliche Wille; Geschichte ist als Bewegung der sittlichen Welt (gleich der Menschenwelt) ein intentionaler Prozess.

Vor diesem Hintergrund ist Droysens Auflösung der ‘historischen Frage’ zu sehen. Die Antwort ergibt sich aus der Annahme der ‘Kontinuität’ aller Geschichte, d.h. des inneren Zusammenhangs des gegebenen historischen Einzelnen: 

“Es (das im Bleiben Veränderliche, im Gleichen Wechselnde) ist eine Kontinuität, in der jedes Frühere sich erweitert und ergänzt durch das Spätere... Die Gesamtheit der sich uns so darstellenden Erscheinungen des Werdens und Fortschreitens fassen wir auf als Geschichte” (Droysen, 1971, S. 12).

In dieser Kontinuität des Geschichtlichen sieht Droysen das Allgemeine und Notwendige, das die Einzelheiten der Geschichte verbindet, und ebenso jedem Individuum seinen Ort zuweist. Fasst man Droysens Konzeption einer wissenschaftlichen Geschichte zusammen, so lassen sich die drei prägenden Kategorien nun genauer bestimmen: Die einmalige Bestimmtheit entscheidet - über das Kriterium der Intentionalität des Willensaktes - darüber, was aus dem Universum alles Vergangenen zur Welt der Geschichte gehört; die fortwirkende Bedeutsamkeit entscheidet darüber, was aus der prinzipiellen Totalität der Geschichte für die gegenwärtige Geschichtswissenschaft noch von Bedeutung ist; die Kontinuität schließlich gewährleistet den Zusammenhang einer scheinbar chaotischen Vielheit von Geschichten. In der historischen Forschungspraxis konnten sich die Droysenschen Kategorien weithin durchsetzen. Sie liefern bis heute das wirkungsmächtigste Modell des Zusammenhangs von Vergangenem und Gegenwärtigem.

Welt

Für die Rekonstruktion der historischen Welt gibt es nichts Sinnloses, höchstens in seinem Sinn nicht Erkanntes, aber nicht alles ist gleich ‘bedeutsam’: Es stellt geradezu die eigentliche Leistung des Historikers dar, mit möglichst vollständiger Kenntnis der Vergangenheit die Frage nach der ‘Bedeutsamkeit’ ihrer Teile zu stellen. Die Entscheidung darüber liegt nicht in der Willkür des Historikers, sondern es gibt hierfür ein klares Kriterium: Die Bedeutsamkeit eines Teils des historischen Geschehens ergibt sich aus dem Verhältnis zu einem zeitlichen Ganzen, etwa zu einer Epoche. Die Bedeutsamkeit wird also regiert durch eine vom Historiker aufzudeckende innere Kontinuität als eine Art Charakteristikum des Geschichtsprozesses selbst. Die dahinter stehende These von der ‘einen Welt’ wird von der jüngeren Diskussion allerdings zunehmend infrage gestellt.