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Niels P. Petersson, Universität Konstanz

In der Geschichtswissenschaft geht es um konkrete Ereignisse, Strukturen oder Prozesse, nicht um allgemeine Gesetze – mit diesem Argument haben sich Historiker immer wieder gegen den Gebrauch von Theorie(n) in der Geschichtswissenschaft gewandt. Ihnen als Studienanfängern mag es angesichts der Masse der Literatur, die sich mit den im Rahmen Ihrer Fragestellung in Betracht kommenden historischen Ereignissen beschäftigt, überdies als eine Zumutung erscheinen, sich nun auch noch mit ‘Theorie’ auseinandersetzen zu sollen.

Lupe

Dennoch ist die Frage “brauche ich Theorie?” falsch gestellt, denn auch Sie als Studienanfänger gebrauchen selbstverständlich bei allem, was Sie tun, auch Theorie. Theorie steckt in den Begriffen, die Sie verwenden – wenn Sie vom Staat sprechen und vom Staatensystem, von Diskursen, von Kultur, von Strukturen, von Klassen, von einer Revolution oder vom Markt. Versuchen Sie doch einfach einmal zu definieren, was man unter einem “Staat”, einem “Staatensystem”, einer “Kultur” etc. verstehen kann, und überlegen Sie, was daraus für die Rolle des jeweiligen Begriffs in historischer Analyse folgt! Auch wenn Sie Ihre Fragestellung formulieren, das relevante Material auswählen und Ihre Argumentation aufbauen, orientieren Sie sich dabei an – oftmals impliziten – Annahmen darüber, wie Gesellschaften aufgebaut sind und wie sie funktionieren; in welchen Bereichen mögliche Ursachen für das Phänomen, das Sie untersuchen, liegen könnten; was relevant sein könnte und was nicht. Kurz gesagt: wie Sie fragen, was Sie erkennen und wie Sie beschreiben, ist durch Theorie strukturiert (vgl. Lorenz 1997).

Im Verlaufe Ihres Studiums werden Sie zahlreiche Theorieangebote kennen lernen, die teils aus Nachbarwissenschaften wie der Soziologie, der Anthropologie, der Wirtschaftswissenschaft, der Philosophie und der Literaturwissenschaft, teils aus der Geschichtswissenschaft selbst stammen. (Eine erste Einführung in die wichtigsten geschichtstheoretischen Richtungen finden Sie im Abschnitt ‘Forschungsrichtungen’.) Selbstverständlich verlangt man von Ihnen als Studienanfänger nicht, eine eigene Theorie zu entwickeln oder auf Grund umfassender Kenntnis zahlreicher Theorieangebote eines auszuwählen und anzuwenden. Aber auch wenn Sie die Theorielandschaft noch nicht überschauen können, sollten Sie der Erkenntnis, dass Sie immer Theorie gebrauchen, Rechnung tragen und dies bewusst und reflektiert statt unbewusst und unhinterfragt tun. Theoriebewusstsein heißt auf einer elementaren Ebene zunächst schlicht, die eigenen Annahmen über den zu bearbeitenden Gegenstand explizit zu machen und kritisch zu hinterfragen sowie sich die Bedeutung die benutzten Begriffe klarzumachen.

Theoretische Reflexion ist ein Bestandteil der geschichtswissenschaftlichen Ausbildung, der weithin im Verborgenen stattfindet. Ihr Ertrag findet sich oft nicht in einem theoretisch angelegten Kapitel wieder, sondern schlicht in einer gut durchdachten und reflektiert bearbeiteten Fragestellung. Theoretische Überlegungen muss man anstellen, aber nicht in jedem Falle auch niederschreiben: “Wer ‘Theorie’ sucht, wird sie versteckt finden”, so lautet das Rezept, das in einem jüngst mit dem Anna-Krüger-Preis für Wissenschaftspublizistik ausgezeichneten Werk gegeben wird (Osterhammel 1998: 13).

 

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