6.1

Die theoretischen Aspekte historischer Arbeit lassen sich schon jetzt drei Ebenen zuordnen (vgl. Welskopp 1998: 140):

  • Erkenntnistheorie befasst sich mit der Frage, was der Forscher überhaupt über seinen Gegenstand wissen kann und wie er zu Wissen kommen kann; es geht also um Möglichkeiten und Wege der Erkenntnis. Die in diesem Text gemachten Bemerkungen zur theoretischen Vorstrukturierung jeder Beobachtung fallen in die Kategorie der Erkenntnistheorie. Die erkenntnistheoretischen Extrempositionen werden bezeichnet einerseits vom Positivismus, der die akkurate Wahrnehmung und Beschreibung einer vom erkennenden Subjekt vollkommen unabhängigen Welt für möglich hält, andererseits von der postmodernen Auffassung, für die das, was dem Betrachter als ‘Wirklichkeit’ erscheint, allein durch das Raster seiner Begriffe und Sprache bestimmt und konstituiert wird.
     
  • Sozialtheorie beinhaltet allgemeine Auffassungen von sozialer Wirklichkeit. Sie beschäftigt sich mit der Frage, aus welchen Elementen soziale (also auch historische) Wirklichkeit besteht und wie diese Elemente zueinander in Beziehung stehen (können). Es geht also darum, welche Kräfte in der Geschichte wirken und was die Subjekte historischer Erzählung und Analyse sind – Menschen, Klassen, Staaten, Strukturen, Systeme, Ideen etwa. Eine Sozialtheorie entwickelt eine allgemeine Vorstellung des Phänomens “menschliche Gesellschaft” und leitet daraus Begriffe, Kategorien und Unterscheidungen ab, mit deren Hilfe die historische Wirklichkeit konkreter menschlicher Gesellschaften erforscht und beschrieben werden kann. Beispiele: die marxistische Vorstellung von der die ‘Überbauphänomene’ von Politik, Kultur etc. determinierenden sozioökonomischen ‘Basis’; die Systemtheorie Niklas Luhmanns, der klassische Historismus, für den Ideen und die sie voranbringenden ‘großen Männer’ die wichtigsten Kräfte sind. ( Näheres zum historischen Materialismus und zum Historismus)
     
  • Gesellschaftstheorie umfasst Vorstellungen von “konkreten historischen Konstellationen, Wirkungszusammenhängen und Verläufen” (Welskopp 1998: 140). Es handelt sich hier um Verallgemeinerungen von räumlich und zeitlich begrenzter Reichweite. Während Sozialtheorie ausgehend von einer abstrakten Vorstellung von ‘Gesellschaft’ begriffliche Kategorien für die Erforschung des Konkreten entwickelt, ist Gesellschaftstheorie eine verallgemeinerte Formulierung bereits am konkreten Fall gewonnener Erkenntnisse – etwa über im frühmodernen Staat, in der Gesellschaft des Mittelalters oder im bipolaren Mächtesystem des Kalten Krieges häufig beobachtete Konstellationen, Prozesse und Sachverhalte.

Sie werden nach einiger Zeit in der Lage sein, eigene Positionen in diesen drei Bereichen zu formulieren. Schon jetzt aber können Sie auf zweierlei Weise versuchen, theoriebewusst zu arbeiten:

  • Bemühen Sie sich herauszufinden, von welchen Annahmen die von Ihnen benutzte Literatur ausgeht, wie dies die Darstellung prägt, und ob sich Ihre Fragestellung aus einer neuen theoretischen Perspektive betrachtet verbessern ließe.
     
  • Formulieren Sie die Fragestellung Ihrer Hausarbeit ausgehend von einer expliziten Vorstellung des sozialen Raumes, in dem die untersuchten Strukturen, Ereignisse und Prozesse ihren Platz haben, der Akteure, die für Ihre Frage relevant sein können, und der Beziehungen, die zwischen ihnen bestehen können.

Davon profitieren Sie in ganz praktischer Hinsicht.

Hinweise auf Einführungsbücher, die einen theoretischen Begriff von Geschichte explizieren, finden Sie im Kapitel
‘Grundlagen’ 7.