6.2

Welche Rolle spielen theoretische Annahmen nun in der praktischen Arbeit von Historikern? Historiker finden in theoretischen Konzepten nicht die Antworten auf ihre Fragestellungen – wäre dies der Fall, könnte man auf empirische historische Forschung verzichten und ohne Berücksichtigung von Quellen aus der Theorie ableiten, wie die Vergangenheit ausgesehen haben muss.
Für Historiker sind Theorien vielmehr auf Reflexion, Vergleich und Verallgemeinerung beruhende Annahmen darüber, aus welchen Elementen historische Wirklichkeit bestehen kann, welche Kausalverknüpfungen zwischen diesen bestehen können, und wie sich solche Elemente und ihre Relationen begrifflich fassen lassen. So verstanden, erfüllen Theorien in der Geschichtswissenschaft folgende Aufgaben:

  • Theorien machen Annahmen über Erkenntnismöglichkeiten und historische Wirklichkeit explizit und kontrollierbar.
  • Theorien stellen mit ihren Begriffen eine Sprache bereit, in der eine komplexe Wirklichkeit, ihre Elemente und die Beziehungen zwischen diesen Elementen präzise beschrieben werden können.
  • Theorien weisen durch die Bereitstellung von Hypothesen über mögliche Zusammenhänge auf ungelöste Probleme hin und ermöglichen durch die Bereitstellung von Begriffen ein präzises Fragen (und wer weiß, wonach er suchen soll, wird schneller fündig). Sie ermöglichen den Schritt vom Zufallsfund zur systematischen Forschung.
  • Theorien verdichten die Erträge von Einzelforschungen zu hypothetischen Vorstellungen von Grundmustern, Strukturen und Prozessen.

Wenn die unbewusst gebrauchten Begriffe und theoretischen Annahmen so etwas wie die Brille sind, durch die wir die Geschichte betrachten, dann sind präzise formulierte Begriffe und Theorien (in einer Formulierung Karl Poppers) Scheinwerfer, die wir auf bestimmte Aspekte der historischen Wirklichkeit richten, um zu sehen, was wir bisher nicht erfragen und beschreiben und somit auch nicht erkennen konnten.