6.3

Historische Erkenntnis – also Fragen, (quellengestütztes) Beobachten, Beschreiben und Erklären – ist stets durch implizite oder explizite theoretische Annahmen und durch Begriffe und Konzepte strukturiert. Daher ist es Bestandteil historischer Forschung, eine dem Gegenstand möglichst angemessene theoretische Konzeption und Begrifflichkeit zu verwenden (gegebenenfalls auch zu entwickeln; dies natürlich nicht im Proseminar).

Theorien beruhen auf Hypothesen und auf Verallgemeinerungen auf der Grundlage natürlich wiederum theoretisch strukturierter Forschung. Daher bleibt jede theoretische Konzeption stets im Lichte neuer Ergebnisse oder Konzeptualisierungen revidierbar. Theorie ist für den Historiker ein – unverzichtbares – Mittel des präzisen Fragens und systematischen Forschens, aber nicht das Ergebnis seiner Arbeit. Theorie gehört für den Historiker in den Bereich der Fragen, nicht in den der Antworten, auch wenn die Grenze zwischen zusammenfassender Darlegung von Forschungsergebnissen und gesellschaftstheoretischer begrenzter Verallgemeinerung fließend ist.

Keine Theorie kann es aber dem Historiker ersparen, jeden Fall für sich zu prüfen – jede weitere Revolution, jeder weitere Kriegsausbruch, jeder weitere Fall von Unterentwicklung mag sich mit den bisherigen Begriffen und Konzepten vertragen oder auch nicht; mag als ein Fallbeispiel für einen theoretisch postulierten Zusammenhang taugen, mag aber auch entgegen dem ersten Augenschein nicht unter die Theorie fallen oder sie gar widerlegen. In diesem Sinne bleibt auch die theoriebewusste Geschichte eine Wissenschaft von konkreten Ereignissen, Strukturen und Prozessen, nicht von Theorien.

Literaturhinweise:

  • Zur theoretischen und begrifflichen Strukturierung von Wahrnehmung vgl. Chris Lorenz, Die Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Köln/Weimar/Wien 1997, S. 1-64.
  • Zu den drei Dimensionen des Theoriegebrauchs in der Geschichtswissenschaft vgl. Thomas Welskopp, Erklären, in: Hans-Jürgen Goertz, Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek 1998, S. 132-168.
  • “Wer ‘Theorie’ sucht, wird sie versteckt finden”: Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert, München 1998.