2.1

Die ‘Geschichtsschreibung’ als ein offenes narratives Modell zeitlicher Sinnkonstitution existiert in der uns bekannten Form erst seit zwei Jahrhunderten. Sie erscheint damit als eine sehr junge Konzeptualisierungsform zeitlicher Zusammenhänge. Wesentlich älter sind der Mythos, die Apokalyptik (bzw. die Prophetie) oder auch der Gedanke der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Auch sie begründen in je spezifischer Weise Gedächtnis, indem sie Zeitzusammenhänge in die Form von Erzählungen bringen.

Der Mythos leistet dies durch den Rekurs auf einen Anfang bzw. Ursprung. Dieser Ursprung erscheint aber nicht in der Zeit, sondern jenseits der Zeit. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bleiben in der mythischen Erzählung, wie sie vor allem sogenannte ‘primitive’, aber auch antike Gesellschaften kennen, weithin ungeschieden.
Die Apokalyptik, insbesondere im Kontext der christlichen Heilserwartung beheimatet, schafft im Gegensatz zum Mythos ihren Interpretationshorizont vom Ende der Zeit her. Sie rekurriert auf die verfließende, ablaufende Zeit als Strukturmoment der Sinnkonstitution (Joachim von Fiore). In der Zeit verwirklicht sich der (göttliche) Plan, der in der Apokalypse seine Erfüllung findet. Jedem Einzelereignis lässt sich mithin im Hinblick auf den apokalyptischen Sinnhorizont Bedeutung zumessen.
Gerade auf der Negation eines Ursprungs oder eines Endes beruhen dagegen Kreislaufmodelle. In ihnen wird die Wiederholungsstruktur der Zeit postuliert, um die Interpretation von Einzelereignissen zu ermöglichen. In den antiken Verfassungsmodellen (Platon, Aristoteles) wird auf diese Weise ebenso die prinzipielle Geschichtsbezogenheit politischen Handelns verdeutlicht wie in den staatstheoretischen Entwürfen der Renaissance (Machiavelli).

Dürers Reiter

Albrecht Dürer, Die vier Reiter.