Mark Hengerer, Universität Konstanz

Voraussetzungen
Eine gängige Redensweise sagt, dass Wissen Macht sei. Für die moderne Geschichtswissenschaft waren Macht und – als Gegenstandsbereich etwas konkreter – Herrschaft fast immer eine Grundkategorie. Zunächst verortete man Wissen bei Herrscherpersönlichkeiten und Eliten, den Nationalstaaten, der Stärke der Heere, später in der Kraft der anonymen Massen, denen sich seit der späten Mitte des 19. Jahrhunderts das Interesse zunehmend zuwandte. Die für die deutsche Forschungslandschaft prägende Strukturgeschichte Bielefelder Prägung suchte zunächst nach den sogenannten "harten" Faktoren von Macht und Herrschaft, nach Faktoren sozialer Ungleichheit. Auch den Forschern des 19. Jahrhunderts stand deutlich vor Augen, dass für die Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft das Wissen, über das Akteure verfügen konnten, ein wichtiger Faktor war. Ebenso wurde die Bedeutung der Wissensbestände auch von Soziologen und Philosophen immer stärker hervorgehoben, sei es – nur beispielsweise – in der wissenssoziologischen Gesellschaftstheorie von Berger/Luckmann, in der Ordnung der Diskurse bei Foucault, im Habitusbegriff Bourdieus oder in der Systemtheorie Luhmann'scher Prägung. Dies geht mit sehr guten Gründen so weit, dass viele in der Gegenwart im (Bereich des Wissens um den) Sinnvorrat einer Gesellschaft den Begriff der Kultur bestimmen. Formuliert man das Problem in einer solchen Weise, lässt sich auch wieder ein systematischer Zusammenhang zwischen der Sozial- und der Geistesgeschichte älterer Prägung herstellen.

Karriere des Begriffs
Vom individuellen Wissen einzelner Akteure ließ sich die Frage erweitern nach der Zugänglichkeit von Wissen im gesellschaftlichen Rahmen insgesamt. "Harte" Faktoren wie etwa die Alphabetisierung, Buchdruck und Rezeptionsforschung bereiteten Fragen nach den "weichen" Faktoren, etwa den alltäglichen Gegenständen des Wissen und den Formen seiner Weitergabe, von Wissen vor. Besonders innovativ war hier die feministisch inspirierte Geschichtsforschung, die vor allem im Bereich des Wissens über den menschlichen Körper der Forschung wichtige Perspektiven aufzeigen konnte. Der Unterschied von Schriftkultur und mündlicher Kultur, die wechselseitigen Beziehungen und Hegemonieansprüche bestimmter Wissensformen oder auch Hervorbringungsformen (wie der Wissenschaft) geben der historischen Forschung eine wichtige Analysedimension an die Hand. In der Gegenwart werden dementsprechend für alle Epochen, die im Blickfeld der Geschichtsforschung sind, Fragen nach der Theorie des Wissens, nach den Institutionen der Wissenspolitik und der Wissensvermittlung und den Formen des Wissensgebrauchs in der Gesellschaft gestellt (vgl. dazu den Frankfurter Sonderforschungsbereich "Wissenskulturen" unter http://www.rz.uni-frankfurt.de/FB/SFB435/).

Leistungsfähigkeit und Probleme des Begriffs
Was der Begriff des Wissens für die historische Analyse zu leisten vermag, hängt von seiner Einordnung in den einen oder anderen Theorierahmen ab. Stellt man auf einen handlungstheoretischen Bezugsrahmen ab, wird man Wissen individuellen Akteuren oder bestimmten Gruppen zuordnen und danach fragen, in welcher Weise die verfügbaren Wissensbestände die Handlungen der Menschen präfigurieren. Folgt man dem wissenssoziologischen Ansatz, verschiebt sich die Fragestellung: Es geht dann darum, welche gesellschaftlichen Sinn- oder Relevanzstrukturen, auch welche Institutionen in der Sozialisation erlernt werden und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen die darauf aufbauenden Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster stabil oder instabil sind. Die Systemtheorie betont den Unterschied zwischen gesellschaftlichen Strukturen im klassischen Sinne und der Selbstbeschreibung einer Gesellschaft als Wissensgegenstand, also den Unterschied zwischen Struktur und Semantik. Beide Bereiche können sich eigenständig evolutionär entwickeln, die Stabilisierung von Veränderungen setzt jedoch voraus, dass diese für den jeweils anderen Bereich anschlussfähig sind. Noch spannungsreicher wird das Verhältnis von Wissensbeständen und Strukturzusammenhängen dadurch, dass sie unterschiedlichen medialen Bedingungen unterliegen (z.B. Schrift, Buchdruck). Darüber hinaus können sie füreinander Latenzen produzieren, so dass gewisse Zusammenhänge nicht beschrieben oder wahrgenommen werden können. Gerade diese Lücken der Selbstbeschreibung wirken aber häufig strukturstabilisierend. Dann ist mit der Frage nach den Wissensbeständen einer Gesellschaft implizit stets die Frage nach ihrer Ordnung verbunden – vice versa.