Mark Hengerer, Universität Konstanz

Der Begriff ‘Struktur’ wurde im 18. Jahrhundert aus lat. ‘structura’ (Bauart, Zusammenfügung, Ordnung) abgeleitet. Wortstamm ist lat. struere: aneinanderfügen, schichten, ordnen. Heute meint er den inneren Aufbau von Phänomenen, das Verhältnis der Bestandteile zueinander besonders im Hinblick auf Stabilität.

Voraussetzungen
Dass Menschen (vorzugsweise: große Männer; selten: Frauen und fast nie: der kleine Mann oder gar die kleine Frau, für die es bezeichnenderweise gar keinen Begriff gibt) Geschichte machen, war in der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts und weit bis ins 20. Jahrhundert hinein noch allgemeine Auffassung: Menschen handeln intentional nach Motiven, Absichten, Zwecken. Diese und damit das Handeln historischer Akteure könne man verstehen. Im Zweifel unterstellte man nachvollziehbare Zweckrationalität (Weber). Daraus ergaben sich dann die relevanten historischen Tatsachen: Diplomatie, Kriege, Verfassungen, Revolutionen, Handel. Solange sich das historische Interesse auf Gegenstände konzentrierte, die sich als Handlung und Abfolge von Handlungen beschreiben ließen und lassen, schien das unproblematisch. Ein Problem ließ sich von dieser Position aus noch lösen: Es gab ja offenbar soziale Tatbestände, die nicht intendiert waren: Das waren nicht-intendierte Nebenfolgen des Handelns.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, unter dem Eindruck der Industrialisierung, der Entdeckung der Massen (Gustave le Bon) und besonders nach dem ersten Weltkrieg mit seinem bislang ungekannten Menschenverschleiß büßten die Konzepte von Persönlichkeit, Individuum und Handlung/Ereignis an Überzeugungskraft ein. Masse, Klasse und Leiden und langfristige Entwicklungen waren viel augenfälliger geworden.

Karriere des Begriffs
Seit dieser Zeit wandte sich dem Begriff der Struktur immer mehr Interesse zu. Seit dem frühen 19. Jahrhundert tauchte der Begriff "structure of society" im Englischen auf und war schon im 19. Jahrhundert in den Sozialwissenschaften zu einem Begriff geworden. Emile Durkheim, Karl Mannheim und Alfred Weber wären hier besonders zu nennen.

Von dort wurde er in die Geschichtswissenschaften übernommen und dort Bezugspunkt einer Geschichtsschreibung, die sich von der Dominanz der Ereignisgeschichte abwandte. Am einflussreichsten dürfte Fernand Braudels Buch über das Mittelmeer gewesen sein, das die histoire structurale neben die histoire evénementielle stellte. Die Konjunktur des Begriffes auch in der deutschen Geschichtswissenschaft begann nach dem zweiten Weltkrieg (zuvor: Otto Hintze und Wilhelm Dilthey). In den späten 1960er Jahren wurde er von einflussreichen Historikern bereits als unverzichtbar anerkannt (Theodor Schieder) und seit den 1970ern zum lange Zeit zentralen Begriff historischer Analyse, besonders der sich herausbildenden historischen Sozialwissenschaft (Bielefelder Schule). Der Strukturbegriff machte nicht nur Kategorien, sondern auch Themen der marxistisch geprägten Geschichtswissenschaft anschlussfähig (Arbeiterbewegung, Klassen, Schichten, Armut). Er hat in den zahlreichen Neuorientierungen der Geschichtswissenschaften der letzten Jahrzehnte an Bedeutung nicht grundlegend eingebüßt, sondern bleibt im kulturwissenschaftlichen Diskurs im Blick neuer Fragestellungen.

Leistungsfähigkeit und Probleme des Begriffs
Im geschichtswissenschaftlichen Kontext hat der Begriff Struktur bis heute eine dreifache Stoßrichtung: Einerseits richtet er den Blick auf Dauer und Stabilität, andererseits immunisiert er Darstellungen gegen die Berücksichtigung des Einzelnen, der individuellen, ereignishaften Handlung. So konnte man sich etwa der Analyse der großen Zyklen der Demographie, des Seehandels oder der Getreidepreise zuwenden (Emmanuel LeRoy Ladurie, Pierre Chaunue) und so drittens den Blick auf Gesellschaft als ganze richten, nicht mehr nur auf Könige, sondern beispielsweise auf "Ludwig XIV. und zwanzig Millionen Franzosen" (Pierre Goubert).

Es ist unmittelbar einleuchtend, dass sich dieser Blick mit der klassischen Handlungsorientierung der Geschichtswissenschaft nicht gut vertrug. Zunächst waren denn auch viele der Auffassung, man könne die Themenbereiche nebeneinander stehen lassen. So sah Otto Brunner hier die Sozialgeschichte mit dem Strukturbegriff, dort die politische Geschichte mit dem politischen Handeln im Zentrum. Werner Conze propagierte die Strukturgeschichte, wollte aber die politische Geschichte als Handlungs- und Ereignisgeschichte gewahrt wissen. Eine fragwürdige Form der Verknüpfung der beiden Ansätze miteinander war die Behandlung sozialer Gruppen, als wären sie individuelle Akteure. Klassen oder Schichten wurden Handlungen zugerechnet, teilweise wurde ihnen selbst Bewusstsein unterstellt.

Handlung und Struktur
Historikern, welche die Begriffe (Handlung und Struktur) aufeinander beziehen wollen, stellt sich ein doppeltes Problem: (1) Wie ist sozialer Wandel möglich und (2) wie hängen Handlung und Struktur zusammen? Der Historiker kann tatsächlich Strukturen nicht in alle "Träger" (wenn er diesen Begriff plausibel findet und wenn er das wollte) hinein auflösen, andererseits aber findet er Strukturen dem Einfluss von Personen ausgesetzt. Schon Ranke schrieb von den Einzelnen, dass sie ihre Zeit repräsentierten, durch ihren inneren Antrieb aber bestimmend in dieselbe eingriffen. Wie soll man außerdem Abweichungen von der Norm, von Strukturen begreifen? Wie soll man damit umgehen, dass ganz ungleichzeitig anmutende soziale und politische Strukturen gleichzeitig nebeneinander und gegeneinander existieren?

Bei den Lösungen der beiden Probleme kann man zwei grundsätzliche Optionen unterscheiden, eine handlungstheoretische und eine systemtheoretische.

(1) Die handlungstheoretische Option versucht zu erklären, wie aus Handlungen Strukturen entstehen und wie Strukturen Handlungen bestimmen oder präfigurieren: Aus massenhaft wiederholten Einzelhandlungen entstehen materielle oder ideelle Strukturen bzw. Institutionen, eine differenzierte Güterverteilung etwa oder spezifische Erwartungshaltungen. Diese wiederum beschränken die Handlungsspielräume auf das üblicherweise Mach- und Erwartbare. Handlungen werden daher nicht identisch reproduziert, sondern können voneinander abweichen. Veränderlichkeit wird so über die Analyse der variablen Bereiche von Handlungsmustern und Handlungsfeldern, wechselnden Figurationen, in sozialer Mobilität gesucht. Die einflussreichsten Theoretiker dürften Antony Giddens und, für Historiker am bedeutsamsten, Pierre Bourdieu sowie die wissenssoziologische Variante von Peter Berger und Thomas Luckmann sein. Bei Bourdieu ist die Spannung zwischen Struktur und Handlung mit den einleuchtenden und klassischen historischen Kategorien entgegenkommenden Begriffen Habitus (Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata) und Handlungsfeld aufgehoben, ohne dass der Mensch als Fundamentalkategorie angetastet würde; deshalb  dürfte er bei Historikern der beliebteste Soziologe sein.

(2) Weniger rezipiert (v.a. weil der Mensch als Fundamentalkategorie vom Kommunikationsbegriff abgelöst wird und der Lesewiderstand anfänglich ganz erheblich ist), aber nicht weniger schlüssig ist die systemtheoretische Option. Systeme bringen die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst hervor, etwa Gedanken im Fall des psychischen Systems oder Kommunikation im Fall sozialer Systeme. Weil diese Elemente nicht von Dauer sind, lassen sich Strukturen deshalb nicht als Relationen zwischen Elementen, sondern nur als Relationen der Relationen zwischen den Elementen beschreiben. Es geht also um die Rekombinationsmöglichkeit von Elementen, um die Selektion von Selektionen. Strukturen sichern demnach die Anschlussfähigkeit von neuen Operationen an alte. Die Identität des Systems bleibt deshalb auch bei Strukturwandel bestehen. Wandel stellt für einen so gefassten Strukturbegriff kein Problem dar. Ebenso wenig müssen Intentionalität und Handlung vorausgesetzt werden, um Soziales beschreiben zu können, denn Mensch und Handlungsbegriff kommen über die Zurechnung von (nur erschließbarer) Kommunikation und (beobachtbarem) Verhalten ins Spiel. Klassische historische Themen kommen erst vermittels des Umwegs über soziale Systeme in den Blick.

Literatur
Claudio Baraldi u.a.: GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1999

Peter Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, 16. Aufl., Frankfurt am Main 1999

Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1982

Gilles Deleuze: Woran erkennt man den Strukturalismus, Berlin 1992; auf deutsch zuerst erschienen in: Geschichte der Philosophie, hg. von R. Châtelet, Bd. 8, Frankfurt am Main 1975

Rainer Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands. Ein Studienbuch zur Entwicklung im geteilten und vereinten Deutschland, Opladen 1992

Anthony Giddens: Central Problems in Social Theory. Action, structure and contradiction in social analysis, Houndmills u.a. 1979

Christopher Lloyd: The Structures of History, Oxford 1993

Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1997

Theodor Schieder: Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung, 2. Aufl., München Wien 1968