Rudolf Schlögl, Universität Konstanz

Wenn es einen Konsens im Fach gibt über das, was Geschichte denn sei, dann ließe er sich noch am ehesten in dem Satz fassen: “Geschichte wird gemacht”. Der Gegenstand des Faches entsteht demnach im (sozialen) Handeln von Akteuren oder auch Subjekten. Der Geschichtsprozess ist Resultante dieser aufeinander bezogenen und vielfältig aufeinander einwirkenden Handlungen.

Diese handlungstheoretische Grundorientierung der Geschichtswissenschaft hat eine wesentliche Wurzel im Historismus des 19. Jahrhunderts, dessen methodische Konzepte die Institutionalisierung der Geschichtsforschung als universitärer Disziplin und ihren Wandel von der Kunst zur Wissenschaft begleiteten. Historiker des 19. Jahrhunderts suchten die Einheit der Geschichte und ihren inneren Zusammenhang im Handeln des ‘historischen Individuums’, wobei sie auch Kollektiven wie Nationen, Völkern oder Staaten diese ‘Handlungsfähigkeit’ unterstellten. An der historistischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts wird gut greifbar, dass dieser ‘handlungstheoretische Individualismus’ einer staatsorientierten Geschichtsschreibung kongenial ist, für die sich Geschichte als das Handeln ‘großer Männer’ realisiert. Dies wirkt fort bis in die moderne Politikgeschichte hinein, auch wenn hier wahrgenommen wird, dass Handeln sich in Strukturen vollzieht. Der Handlungsbegriff sitzt jedoch so tief im geschichtswissenschaftlichen Gegenstandsverständnis, dass er auch die Strukturgeschichte noch infizierte. Obwohl Strukturgeschichte und Historische Sozialwissenschaft sich seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in bewusster Abkehr von einem historistisch-politikgeschichtlichen Gegenstandsverständnis entwickelten und dort das Interesse nicht mehr auf Individuen, sondern auf soziale Kollektive und Gruppen wie Schichten oder Klassen gerichtet war, wurden diese dann in der Geschichtsschreibung dann in der Regel soweit ‘naturalisiert’, dass sie in den Darstellungen ‘agierten’ als seien sie Individuen. Von der Kultur- und Mikrogeschichte oder auch der historischen Anthropologie wird gerade diese Orientierung an Strukturen kritisiert, um ihr wiederum die Handlungs- und Erfahrungszusammenhänge der historischen Akteure entgegenzusetzen.

Man kann für diese scheinbar unhintergehbare Handlungsorientierung der Geschichtswissenschaft mehrere Gründe anführen. Ein erster liegt sicher in der alltagsweltlichen Plausibilität: Wir erfahren uns selbst in einer Welt des sozialen Handelns. Ein zweiter ist darin zu finden, dass Geschichte ‘erzählt’ wird. Erzählungen brauchen Akteure, die das Geschehene nicht nur hervorbringen, sondern diese Episoden und ‘Gegenwarten’ über ihre Individualgeschichten zu einem zeitübergreifenden Ganzen verknüpfen. Schließlich drittens kann die Geschichtswissenschaft sich auch auf die Sozialwissenschaften berufen. Auch dort ist der Handlungsbegriff eine Basiskategorie, wenn er auch zu sehr unterschiedlichen Theorien sozialen Handelns ausgefaltet wurde.

 

Trotz oder gerade wegen dieser allgemeinen Übereinstimmung sollte man sich bewusst sein, dass auch die Orientierung am Handlungsbegriff eine selektive Konstitution des Gegenstandes hervorbringt, die ihre Gefahren birgt. Die neuere Sozialwissenschaft macht von unterschiedlichen Ausgangspunkten her darauf aufmerksam, dass Soziales sich nicht auf bloße Aktionen reduzieren lässt, die wiederum Re-Aktionen hervorrufen. Insbesondere weil Aktionen und Re-Aktionen über Sinn und Verstehensleistungen miteinander verbunden und aufeinander bezogen sind, scheint es angemessener, einen komplizierteren Begriff der (sozialen) Kommunikation zu formulieren. Dann sieht man auch, dass das Handeln als ‘Aktion’ eigentlich schon ein Sondertypus ist, der längst nicht die gesamte Breite sozialen Agierens oder Verhaltens abdeckt. Noch wichtiger aber für das Ergebnis von Geschichtsforschung ist: Wer sich auf ‘Handeln’ einlässt, muss auch nach Absichten, Motiven und Zwecken fragen. Da auch Historiker im Regelfall nur das Handeln beobachten können, müssen wir mindestens Zweckrationalität unterstellen, um vom Handeln dann auf Motive und Absichten schließen zu können. Dies alles führt dazu, dass Historiker selten genau unterscheiden wollen, ob sie das Handeln oder das Bewusstsein beobachten und das eine auf das andere sehr direkt zurechnen. Dass dies problematisch ist und diese Problematik auch von Historikern bemerkt wird, kann man an der Rede von ‘unbeabsichtigten Folgewirkungen von Handlungen’ sehen. Damit ist dann gemeint, dass auch das Handeln von Individuen im Regelfall in Strukturzusammenhänge, Institutionen oder soziale Konfigurationen hineingestellt ist, die schon in scheinbar ganz übersichtlichen Situationen häufig Absichten und Handlungsfolgen weit auseinander führen oder umgekehrt an den Ergebnissen – etwa bei kollektiven Entscheidungsprozessen – der Anteil des einzelnen Handelns nicht mehr abzulesen ist (von den Motiven dann ganz zu schweigen). Wenn aber Handeln offenbar nicht in sozialen Strukturen aufgeht und umgekehrt, dann wird eine weitere Blindstelle der Handlungsorientierung sichtbar. Sie nimmt der Geschichte schnell das Historische. Herrscher handeln zu allen Zeiten scheinbar gleich. Erst wenn man über eine Vorstellung darüber verfügt, wie sich in unterschiedlichen historischen Konstellationen Handlungen mit Folgen in unterschiedlicher Weise verbinden, ist man in der Lage, die Differenz historischer Zeiten zu vermessen.