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Clemens Wischermann, Universität Konstanz

“Du bist doch Historiker! Stimmt das denn so? Wann war eigentlich noch mal der amerikanische Bürgerkrieg? Worum ging es da eigentlich? Oder ist das sozusagen alles frei erfunden? Nun sag doch mal was. Schließlich bist du doch Historiker.”

Clark Gable und Vivien Lee in “Vom Winde verweht”.

Dies ist ein Auszug aus einer der Rahmenepisoden unseres Tutoriums, aber so ähnlich dürfte es vielen ergangen sein, die sich einmal als Studierende der Geschichtswissenschaft zu erkennen gegeben haben. Angesprochen ist damit ein weitverbreitetes Missverständnis:

der Historiker/die Historikerin sei eine Art Sachverwalter/in einer in objektiver Quellenarbeit recherchierten und/oder im Studium erlernten Vergangenheit, die sich stark auf ereignis- und personenbezogene Abläufe und Zusammenhänge bezieht.

Nicht nur im Freundeskreis, sondern auch im interdisziplinären Gespräch an der Universität wird der Historiker gern ob der ihm zugeschriebenen Validität seines Wissens als Steinbruch von Basisinformationen in Anspruch genommen. An dieser Zuschreibung ist nur richtig, dass die Arbeit an den Quellen natürlich im Mittelpunkt der praktischen Forschungstätigkeit des Historikers steht. Aber diese Arbeit orientiert sich nicht an der Gegebenheit eines überlieferten Quellenbestandes, sondern die Auswahl und anschließende Arbeit mit den Quellen richtet sich nach den Erkenntniszielen und Ausgangsfragestellungen des Historikers, nach den von ihm selbst vorab zu formulierenden Zielen seiner Tätigkeit. (Dabei ist die beliebteste aller Antworten, es handle sich beim Thema um ein Desiderat, also eine Forschungslücke, auch die unbefriedigendste aller Antworten, denn allein, dass über etwas noch nicht gearbeitet wurde, macht es noch nicht geschichtswissenschaftlich bedeutsam).

Wie kommen Sie nun zur Fragestellung Ihrer Hausarbeit?
Da das Studium der Geschichte sehr große Freiheiten bei der Auswahl der Lehrveranstaltungen lässt, ist hier schon eine erste Entscheidung gefallen. Wonach richten sich Studierende dabei? Wir wissen es nicht, und möglicherweise entscheiden viele eher aus dem Bauch heraus. Doch spätestens bei einem Sprechstundenbesuch bei einem Professor, der die lange verbreitete Sitte, den Studierenden nur die Auswahl aus einer Liste von ihm selbst benannter Hausarbeitsthemen zu lassen, nicht praktiziert, funktionieren die bisherigen Mechanismen nicht mehr. Er erwartet, dass Sie im Spektrum des gewählten Seminars mit einem eigenen ‘Angebot’, also einer eigenen Fragestellung zu ihm kommen. Das ist dann die Situation, in der weder Bauch noch Zufall eine Problemannäherung leisten und eine autoritäre Vorgabe verweigert wird. Was tun?

So sind denn auch die schwierigsten Fragen mancher Sprechstunden die nach dem Warum des eigenen Interesses für und des Wie des eigenen Zugangs zu einem Thema. Ist man der Gefragte, antwortet man gern mit der Gegenfrage, was man denn tun soll. Ist man der Fragende, kontert man mit der Zurückweisung des Sollens und verweist auf die Notwendigkeit einer Bewusstmachung dessen, was man denn tun will. Spätestens hier wird deutlich, dass für viele Studienanfänger die bewusste Suche nach dem eigenen Zugang zu einem Thema einer Art Mutprobe gleicht, der sie offenbar zuvor noch nie ausgesetzt waren. In der Tat wurden solche Fragen früher im Studium kaum gestellt. Heute gilt die Fähigkeit, sich solchen Fragen zu stellen, als unverzichtbar für ein Geschichtsstudium, das sich als Grundlage für die Kompetenz zur Entwicklung selbständiger Problemlösungen für historisch-kulturelle Fragen begreift. Dabei gilt es mittlerweile als durchaus legitim, den Ausgangspunkt für spezifische Interessen und Fragestellungen in der eigenen Subjektivität zu entdecken, d.h. zumeist in der lebensgeschichtlichen Vergangenheit des Einzelnen. Dieser individuelle Ausgangspunkt aber muss im Verlauf des Arbeitsprozesses reflektiert und in ein theoretisches und methodischen Vorgehen überführt werden, das intersubjektivem Zugang standhält.

Im Allgemeinen wird der an die Selbstverortung anschließende, praktische Weg zur eigenen Fragestellung eine ineinandergreifende Einarbeitung in inhaltlicher und konzeptioneller Hinsicht sein, d.h. man liest sich ein und während man seinen Wissensstand erweitert, überdenkt man gleichzeitig die theoretische und methodische Herangehensweisen der rezipierten Forschungsliteratur. Je expliziter die Forschungsliteratur ihre konzeptionellen Grundlagen benennt, je leichter macht uns das den Zugang zu ihren leitenden Fragestellungen. Je ‘theoriefeindlicher’ die bisherige Literatur ist, desto größer ist die Notwendigkeit, selbst nach anwendbaren Konzepten auch in angrenzenden wissenschaftlichen Disziplinen zu suchen. Im Fortgang der Arbeit verengt und konkretisiert sich (hoffentlich) die eigene Arbeitsperspektive: Fragestellung, der Weg zu ihrer Umsetzung und – hier nun – die
Operationalisierung anhand der verfügbaren Quellen und Literatur kommen in ein erstes (und noch mehrfach auszutarierendes) Gleichgewicht.

Auch ‘leitende’ Fragestellungen im Sinne der Ausrichtung geschichtstheoretischer ‘Großkonzepte’ sind keine zeit- und kulturungebundene Konfigurationen, d.h. sie orientieren sich an allgemeinen Weltbildern und sich wandelnden Vergangenheitsentwürfen, aus denen heraus sich Geschichtswissenschaft definiert. Sich selbst und die eigenen Fragestellungen zwischen den großen geschichtstheoretischen Alternativen zu verorten, bereitet vielen große Schwierigkeiten. Es setzt einige Übung voraus, für die in geschichtstheoretischen Kursen wichtige Grundlagen erworben werden können.

 

Übersicht ‘Grundlagen’