Jürgen Osterhammel, Universität Konstanz

Anders als mancher Laie es sich vorstellen mag, arbeitet die Geschichtswissenschaft heute nicht länger mit einfachen linearen Vorstellungen von Zeit. Vor allem der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck hat auf sehr einflussreiche Weise gezeigt, dass Zeitbegriffe und die Wahrnehmung von Zeit sich im Laufe der Geschichte ändern. Er hat außerdem dargestellt, wie unterschiedliche Zeitvorstellungen innerhalb einer Epoche oder einer Gesellschaft nebeneinander existieren können. Von der französischen Annales-Schule hat man gelernt, in Forschung und Darstellung zwischen lang-, mittel- und kurzfristigen Zeitperspektiven zu unterscheiden. Schließlich spielt das Konzept des Zyklus nicht nur in der Wirtschaftsgeschichte seit langem eine wichtige Rolle. Eine weitergehende Differenzierung von Zeitbegriffen muss über Europa hinausgehen und die Zeitvorstellungen in anderen Zivilisationen untersuchen. Im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte ist aus der Vielzahl unterschiedlicher Zeitkonzepte allmählich so etwas wie eine Weltzeit entstanden, die aber keineswegs als vollständige Homogenisierung gedacht werden soll.

Raumvorstellungen sind in der Geschichtswissenschaft bisher noch nicht mit ähnlicher Sorgfalt untersucht worden wie Zeitkonzepte: Hier setzt ein Forschungsschwerpunkt an, der die Geographie als ein altes und nach wie vor wichtiges Nachbarfach der Geschichtswissenschaft betrachtet. Angeregt durch die Historische Geographie werden Räume nach ihrer Größenordnung von der unmittelbaren Lebenswelt bis zum interkontinentalen Verbindungsraum unterschieden. Auf diese Weise soll verdeutlicht werden, dass der Nationalstaat nur einen unter mehreren möglichen Handlungsrahmen historischer Akteure bildet und keineswegs als der Normalfall betrachtet werden kann. Der Forschungsschwerpunkt verbindet theoretische Überlegungen mit ihrer Anwendung auf Fragen konkret gelebter Räumlichkeit in der Geschichte.