Lothar Burchardt, Universität Konstanz

Die traditionelle Militärgeschichte war im wesentlichen Operationsgeschichte. Sie fragte nach der Erstellung von Feldzugsplänen sowie nach dem Ablauf von Aufmärschen und Entscheidungsschlachten, wobei der Akzent meistens auf der Leistung des großen soldatischen Führers oder auf dem Heldentum einzelner Untergebener lag. Ihr Ziel war neben systemkonformer Hagiographie vor allem die Ableitung von in der Zukunft verwertbaren Lehren aus der operationsgeschichtlichen Vergangenheit.

Dagegen wird man die heutige Militärgeschichte mehr als eine sozialwissenschaftlich ausgerichtete denn als eine im engeren Sinne militärwissenschaftliche Disziplin zu verstehen haben. Heutige Militärhistoriker fragen stärker nach den politischen, technischen und ökonomischen Hintergründen, nach dem “kleinen Mann in Uniform” samt seinen Problemen und Befindlichkeiten, nach dem Umgang des Militärs mit Kriegsgefangenen oder der gegnerischen Zivilbevölkerung, nach Verwundeten und Kriegsverbrechern, nach Gefangenen und Desertierten. Die eigentliche Operationsgeschichte sowie ihre planerische Vorgeschichte lösen heute nur noch selten wissenschaftliche Kontroversen aus, doch gibt es Ausnahmen. Hier sei nur an die bis heute gelegentlich diskutierte Frage erinnert, ob der deutsche Russlandfeldzug von 1941 ein Aggressionsakt oder ein Präventivschlag war oder an die noch sehr viel strittigere Frage, wer am Vorabend von Pearl Harbor wie viel über die japanischen Angriffspläne wusste.

Häftlinge schälen Kartoffeln

Häftlinge beim Kartoffelschälen. Propagandafoto des KZ Oranienburg 1933.

Soweit in Konstanz Militärgeschichte betrieben wird, geschieht dies in dem oben erwähnten sozialwissenschaftlichen Kontext. Dabei gilt es allerdings immer wieder zu bedenken, dass solche sozialwissenschaftlich geprägten Ansätze nur dann wirklich fruchtbar werden, wenn sie auf der Grundlage einer soliden Hintergrundkenntnis von organisatorischen, technischen und operationsgeschichtlichen Gegebenheiten aufbauen können. Militärgeschichte bleibt deshalb auch im 21. Jahrhundert ein geschichtswissenschaftliches Teilgebiet, das streckenweise auf einen sehr spezifischen Informations- und Methodenkanon angewiesen ist. An ihrer Wichtigkeit sollte gerade der moderne Sozialhistoriker gleichwohl nicht zweifeln.