Rudolf Schlögl, Universität Konstanz

Mentalitätengeschichte fragt nach kollektiven Weltbildern, Einstellungen, nach alltagsweltlich verankerten Orientierungsmustern, die das Handeln der Menschen bestimmen und ihre Haltung in konkreten Situationen bestimmen. Sie geht davon aus, dass solche Orientierungsmuster und Einstellungen zum Aufbau sozialer Strukturen beitragen und dies gerade deswegen, weil sie im Regelfall unbewusst sind und sich nur langsam wandeln. Dies unterscheidet die Mentalitätengeschichte auch von der Ideengeschichte. Während die Ideengeschichte sich mit Semantiken beschäftigt, die in Texten geprägt und verbreitet werden, sucht die Mentalitätengeschichte solche Prägungen auf, die sich häufig nur aus dem Handeln der Menschen selbst erschließen lassen.

Dieses Forschungsparadigma hat eine Wurzel, die ins 19. Jahrhundert an die Stelle zurückreicht, als die Geistes- und die entstehenden Sozialwissenschaften in ihrem Bestreben, ein den Naturwissenschaften ebenbürtigen, aber davon verschiedenen Begriff der Wissenschaftlichkeit für sich zu entwickeln, die Psychologie zu ihrer Leitwissenschaft erklärten. Man war der Ansicht, das Soziale im Kern auf psychische Tatbestände zurückführen zu können und es dauerte bis in die 1930er Jahre, bis wenigstens in der Soziologie die Eigenständigkeit des Sozialen gegenüber Bewusstseinsphänomenen akzeptiert war (George Herbert Mead). Für die Geschichtswissenschaft wurde bedeutsam, dass französische Historiker und maßgeblich dabei Lucien Febvre Durkheims Soziologie aufgriffen und seine Idee vom “conscience collective” mit strukturgeschichtlichen Fragestellungen zusammenbrachten. Seit 1929 konzentrierte sich diese Geschichtsschreibung um die von Febvre zusammen mit Marc Bloch herausgegebene Zeitschrift “Annales d’histoire économique et sociale”. Es entstanden einerseits Studien, die sich solchen kollektiven Vorstellungswelten widmeten, wie die Untersuchung zum “Wundertätigen König im Mittelalter” (M. Bloch) oder dann auch Fernand Braudels “La Méditerranné et le monde méditerranéen à l’èpoque de Philippe II”, in der die Welt des Mittelmeeres als Natur und Kultur umfassendes Milieu beschrieben wurde, das von Strukturen langer Dauer geprägt war, denen gegenüber die Geschichte der kriegerischen und politischen Ereignisse nur Oberflächenbewegungen darstellten. Bevorzugte Themenfelder dieser französischen Mentalitätsgeschichte wurden dann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts elementare Lebensfelder wie Religiosität, Tod, Geburt, Sexualität, Familie oder auch Kindheit. Sie suchte die Frage nach den Einstellungen gegenüber diesen Aspekten der ‘conditio humana’ mit der Analyse von seriellen Massenquellen (Testamente, Taufregister etc.) zu beantworten und auf diese Weise auch die tieferliegenden Einstellungen und Vorstellungswelten der Menschen aus dem Volk zu erfassen. Die Mentalitätengeschichte blieb dabei immer vorzugsweise auf die Vormoderne, insbesondere auf die Frühe Neuzeit orientiert.

Seit den 1970er Jahren wandeln sich die Konzepte der Mentalitätsgeschichte durch Rezeption ethnologischer Forschungen, durch die Aufnahme neuer Ansätze aus der Soziologie (P. Bourdieu) und auch durch Anregungen aus dem anglo-amerikanischen Wissenschaftsraum. Einflussreich waren die Studien zu “Religion and the Decline of Magic” von Keith Thomas und Edward P. Thompsons Untersuchungen zur “moral economy” der englischen Unterschichten des 18. Jahrhunderts.

In der deutschen Historiographie finden sich mehr programmatische Beiträge zur Mentalitätengeschichte (V. Sellin, H. Schulze, F. Graus, U. Raulff) als Versuche, das Forschungsparadigma fruchtbar umzusetzen und ihm ein eigenständiges Profil zu geben. Klare Bezugnahmen auf die französische Forschung findet man in der demographischen Forschung zur Vormoderne (A. E. Imhof), in Untersuchungen zur Frömmigkeit und Religion in der Frühen Neuzeit (H. Hörger, R. Schlögl) und in der Alphabetisierungsforschung (E. Hinrichs) oder auch zu den verhaltensprägenden Folgen des Industrialisierungsprozesses (R. Braun).

Diese Zurückhaltung hat Ursachen, die z. T. auch in der Quellenlage und in universitären Karrieremustern zu suchen sind, vor allem aber schien das Konzept nicht als Plattform für eine Kritik an der Sozialgeschichte geeignet, da es ihm viel zu nahe stand, so dass Mikrogeschichte, neue Kulturgeschichte und Historische Anthropologie sich kaum noch auf die Mentalitätengeschichte beziehen.

Insbesondere die neuere Diskussion um eine kulturwissenschaftliche Wende der Geistes- und Sozialwissenschaften macht deutlich, dass die Mentalitätengeschichte eine ganze Reihe von ungelösten und hinderlichen konzeptionellen Problemen in sich trägt. Zwar ist zwischenzeitlich allgemein akzeptiert, dass Weltbilder und mentale Orientierungsmuster, wie immer sie sich manifestieren, für die Reproduktion sozialer Strukturen grundlegend sind. Im Habitusbegriff Pierre Bourdieus und im Konzept des Alltagswissens von Peter L. Berger und Thomas Luckmann stehen jetzt auch sozialwissenschaftliche Theorien zur Verfügung, um diese Zusammenhänge begrifflich zu erfassen. Sie machen aber umso deutlicher, dass die Mentalitätengeschichte letztlich immer noch davon lebt, die Grenzen zwischen Psyche oder Bewusstsein und sozialen Tatsachen zu verwischen oder es mindestens unterlässt, das Verhältnis zwischen ihnen genau zu bestimmen. Weder die Habitustheorie noch die Theorie des Alltagswissens konnten die Mentalitätengeschichte offenkundig von diesem Problem befreien, da sie selbst sich schwer tun, sozialen Wandel zu erklären. Eine Erneuerung der Mentalitätsgeschichte müsste deswegen darauf zielen, gerade die Spannung zwischen sozialen Strukturmustern, gesellschaftlichen Semantiken sowie individuellen Handlungs- und Orientierungsmustern zu erfassen. Aber dazu ist weiterer begrifflicher Aufwand notwendig, der in eine kommunikationstheoretisch orientierte Systemtheorie hinein führt (R. Schlögl).

Das Paradigma der Mentalitätengeschichte ist deswegen für die Forschung der Frühen Neuzeit hauptsächlich in der Hinsicht fruchtbar geworden, dass der Geschichtswissenschaft neue Themenfelder erschlossen wurden, die jenseits von Sozial- und Politikgeschichte lagen. Eine Geschichte von “Pesthauch und Blütenduft” (A. Corbin) wäre ohne sie beispielsweise kaum möglich gewesen.

Literatur:

Philippe Aries, George Duby (Hgg.), Geschichte des privaten Lebens, Bde. 1-5, NY usw. 1998ff

Peter, L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M. 1999

Marc Bloch, Die wundertätigen Könige, München 1998

H. E. Bödecker, Ernst Hinrichs, Alphabetisierung und Literalisierung in Deutschland in der Frühen Neuzeit, Tübingen 1999

Pierre Bordieu, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1976

Frenand Braudel, La Mediterranee et le monde mediterraneen a l’epoque de Philippe II., Paris 1966

Rudolf Braun, Industrialisierung und Volksleben. Veränderungen der Lebensformen unter Einwirkung der verlagsindustriellen Heimarbeit in einem ländlichen Industriegebiet (Zürcher Oberland), (1960) Nachdr. Göttingen 1979

Alain Corbin, Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs, Frankfurt a. M. 1984

Jean Delumeau, Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts, Reinbeck 1989

Lucien Febvre, Das Gewissen des Historikers, Frankfurt a. M. 1990

Frantisek Graus (Hg.) Mentalitäten im Mittelalter. Methodische und inhaltliche Probleme, Sigmaringen 1987

Hermann Höger, Kirche, Dorfreligion und bäuerliche Gesellschaft: Strukturanalyse zur gesellschaftsgebundenen Religiosität ländlicher Unterschichten des 17. bis 19. Jahrhunderts, aufgezeigt an bayerischen Beispielen, München 1983

Arthur E. Imhof, Historische Demographie als Sozialgeschichte: Giessen und Umgebung vom 17. zum 19. Jahrhundert, Darmstadt 1975

George H. Mead, Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, Frankfurt a. M. 1978

Ulrich Raulff (Hg.), Mentalitäten-Geschichte. Zur historischen Rekonstruktion geistiger Prozesse, Berlin 1987

Rudolf Schlögl, Glaube und Religion in der Säkularisierung. Die katholische Stadt; Köln, Aachen, Münster, 1700–1840, München 1995

Volker Sellin, Mentalitäten in der Sozialgeschichte, in: Wolfgang Schieder, Volker Sellin (Hgg.), Sozialgeschichte in Deutschland. Entwicklungen und Perspektiven im internationalen Zusammenhang, Bd. 3, Göttingen 1987

Keith Thomas, Religion and the Decline of Magic: studies in popular beliefs in sixteenth- and seventeenth- century England, Harmondsworth 1973

Edward P. Thompson, Plebejische Kultur und moralische Ökonomie: Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1980