Niels P. Petersson, Universität Konstanz

Der Kalte Krieg kann inzwischen als eine abgeschlossene historische Epoche betrachtet und untersucht werden. Über die Grenzen dieser Epoche und ihre Grundcharakteristika besteht jedoch keine Einigkeit: handelt es sich um den geopolitischen oder ideologischen Konflikt zwischen den „Flügelmächten“ USA und UdSSR, der 1917 mit dem Eintritt der USA in die Weltpolitik und der russischen Revolution begann und 1989 mit dem Zusammenbruch des Ostblocks endete? Oder um die Epoche der „Teilung der Welt“ in zwei Lager, jeweils hinter einer nuklearen Supermacht gruppiert und durch ideologische Gegensätze und machtpolitische Konfrontation geschieden? Will man den Begriff vielleicht nur auf die konfliktreiche Phase der Konstruktion einer neuen Weltordnung von 1945-63 anwenden, oder mit Wilfried Loth von einem „Aggregatzustand“ sprechen, den das Ost-West-Verhältnis immer wieder in besonders spannungsreichen Phasen annahm?

Fidel Castro

Fidel Castro im Capitol in Washington, D.C., im April 1959.

Im gängigen Verständnis des Kalten Krieges als Zeit des Ost-West-Konflikts 1945-1989 sind die Kennzeichen der Epoche die bipolare Weltordnung, die gegenseitige nukleare Bedrohung und die – im globalen Rahmen ausgetragene – Auseinandersetzung zweier fundamental verschiedener Gesellschaftsordnungen. Das Forschungsinteresse in diesem Feld richtet sich im Bereich der Internationalen Beziehungen insbesondere darauf, die seit 1989 besser zugänglichen Quellen in russischen Archiven zu erschließen und im Lichte neuer Erkenntnisse besser zu verstehen, wie es zu Blockbildung und Konfrontation kam. Aber auch die innergesellschaftlichen Folgen des Kalten Krieges werden untersucht: welche Rolle kam dem Kalten Krieg bei der Verwestlichung der bundesrepublikanischen Gesellschaft und Kultur und der Entstehung des Wohlfahrtsstaats als Mittel sozialer Integration zu?

Die Epoche des Ost-West-Konflikts umfaßt die unmittelbare Vorgeschichte der Gegenwart. Ihre Geschichte beansprucht unser Interesse als Geschichte einer zerfallenen Ordnung, an deren Stelle noch keine neue getreten ist. Unter diesem Gesichtspunkt ist nicht nur das – mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft noch nicht wirklich erfaßbare – Ende des Kalten Krieges, sondern weiterhin auch sein Anfang von Interesse, d.h. der Prozeß des Aufbaus einer neuen Ordnung. Der Prozeß der Neuordnung der Welt und der Gesellschaften in Ost und West nach 1945 erinnert überdies an den Zusammenhang internationaler mit innergesellschaftlichen Entwicklungen, der für die Internationale Geschichte zentral ist.