Jürgen Osterhammel, Universität Konstanz

Das neuzeitliche Europa hat sich in einem einzigartigen Ausmaß für die anderen Zivilisationen interessiert. Es hat eine riesige Reiseliteratur hervorgebracht und ist der Ursprungsort von Wissenschaften über das Fremde – vor allem der Ethnologie und der orientalistischen Kulturwissenschaften –, deren Ansätze bis heute international maßgebend sind. Dieses Wissen über die „Anderen“ ist auf eine komplizierte und widersprüchliche Weise mit dem realen Ausgreifen von Europäern in die nichteuropäische Welt verbunden. Wissen hat koloniale Herrschaft ermöglicht und gestützt, aber auch zu ihrer Kritik und ihrem Ende beigetragen.

Obwohl Vorstellungen vom Fremden hauptsächlich in Texten zu fassen sind, ist es unzureichend, sich mit reiner Textanalyse zu begnügen. Bilder vom Fremden entstehen immer auch in der Interaktion an „kulturellen Grenzen“. In der Untersuchung solcher konkreten Begegnungssituationen seit dem 18. Jahrhundert liegt ein Schwerpunkt der Konstanzer Forschung. In den kommenden Jahren soll auch die umgekehrte Wahrnehmung Europas durch Nichteuropäer Gegenstand der Untersuchung werden.