Rudolf Schlögl, Universität Konstanz

“Die historische Anthropologie stellt den konkreten Menschen mit seinem Handeln und Denken, Fühlen und Leiden in den Mittelpunkt der Analyse.” (R. van Dülmen). Es geht um die Subjektivität in der Geschichte. Alf Lüdtke hat die Programmatik der historischen Anthropologie etwas anders akzentuiert, indem er das Interesse der historischen Anthropologie an der “Praxis der historischen Akteure” betont, an deren Ungleichzeitigkeiten und Brüchen ( Alf Lüdtke). Es geht der historischen Anthropologie in jedem Fall um eine Wiedereinführung des Menschen in die Geschichte, es geht um erzählte, um das Bekenntnis zu einer ‘sinnlichen’ Geschichte. Damit ist auch eine betonte Abgrenzung gegen eine “philosophische Anthropologie” verbunden, die sich auf die “conditio humana” hinter dieser Praxis konzentriert und sich auf die Anthropologie Max Schelers und Arnold Gehlens bezieht. Das Spektrum reicht dabei von einer “historischen Verhaltensforschung”, der die Öffnung zu den Naturwissenschaften wichtig war (A. Nitschke), bis hin zu zum Teil für Historiker schwer nachzuvollziehenden Varianten des Sozialbiologismus.

Trotz solcher Grenzziehungen führt das Paradigma der historischen Anthropologie nach wie vor sehr heterogene Forschungsinteressen und Methoden zusammen. Das hängt mit Entstehungsgeschichte der Strömung zusammen, die sich aus mehreren Wurzeln speist. Ein wesentlicher Integrationsfaktor und Quelle eigener Identität war seit dem Ende der 1970er Jahre die Abgrenzung gegen die “Sozial- und Gesellschaftsgeschichte” und deren Strukturfunktionalismus. Getragen wurde die Entwicklung der historischen Anthropologie hingegen durch die Rezeption ethnologischer Forschungen, durch die Aufnahme von Forschungsergebnissen und Methoden aus der Volkskunde und der Empirischen Kulturwissenschaft. Sehr wichtig wurden auch Arbeiten der Historischen Familienforschung.

Institutionelle Kristallisationskerne bildeten sich um Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Göttingen. Es formierten sich mehrere Arbeitskreise. Seit 1993 erscheint auf Initiative Richard van Dülmens die Zeitschrift “Historische Anthropologie. Kultur – Gesellschaft – Alltag”. Für die stärker an der ‘conditio humana’ interessierte Richtung der historischen Anthropologie bietet die Freiburger Zeitschrift “Saeculum” um den Althistoriker Jochen Martin ein Forum.

Das Paradigma der historischen Anthropologie lässt sich nicht auf ein klar definiertes Methodenspektrum festlegen. Gleichwohl folgen aus der Geschichte des Paradigmas und aus seiner Verpflichtung auf eine Geschichte des Menschen und seiner Praxis eine Reihe von verbindenden Grundlinien. Die Historische Anthropologie ist eine Geschichtsforschung, der es mehr auf Differenzierung, auf Vielfalt der Erscheinungen, auf Pluralität der Sichtweisen und Einstellungen ankommt, als auf die analytische Konsistenz der Phänomene. Dies resultiert aus der Betonung des Einzelmenschen, des historischen Akteurs. Aus diesem Grund hat die historische Anthropologie auch die Mikrogeschichte zum Programm erhoben. Mikrogeschichte bedeutet die Konzentration der Forschung auf kleine, überschaubare Räume, um die Totalität der Lebensbezüge, sowie die Unterschiedlichkeiten und Widersprüche, in ihnen möglichst vollständig erfassen zu können. Mikrogeschichte verbindet damit allerdings immer den Anspruch, “nicht Details im Ganzen, sondern Details des Ganzen” (R. van Dülmen), also Strukturen und langfristige Entwicklungsprozesse mit zu berücksichtigen, sie aber aus der Perspektive der historischen Akteure und ihrer Betroffenheit her zu betrachten. Die Programmatik der “dichten Beschreibung” (C. Geertz) hat hier deswegen besondere Konjunktur. Daraus resultiert dann des Weiteren eine erklärte Distanz zu allen großflächigen Theorieentwürfen und insbesondere solchen, in denen man einen normativ aufgeladenen, modernisierungstheoretischen Grundzug feststellt. Sie verdecken in dieser Perspektive die Gestaltung der Geschichte durch die “historischen Akteure” (A. Lüdtke) und die Tatsache, das Menschen in ihrer Praxis nicht Strukturen vollziehen, sondern sie sich aneignen und sie versperren, schließlich den Blick auf die Inkonsistenzen individueller Wahrnehmungsweisen der Betroffenen. Gelegentlich wird generell angezweifelt, dass “Tiefenstrukturen” die Welt der historischen Akteure überhaupt prägen und beeinflussen (A. Lüdtke). Deswegen misstraut man auch dem Bourdieu’schen Habitus als einer “strukturierenden Struktur”. Mindestens aber wird die Differenz zwischen der Eigenlogik von Institutionen und dem Sinn des menschlichen Handelns für beträchtlich gehalten (R. van Dülmen).

In der Forschungspraxis ist das Paradigma der historischen Anthropologie hauptsächlich  im Bereich der Frühen Neuzeit und auch in der Alten Geschichte fruchtbar geworden. Es hat dort der Geschichtsforschung eine ganze Reihe von neuen Themenfeldern erschlossen oder bereits bearbeitete Themenbereiche durch neue Fragestellungen restrukturiert. So wurde die traditionelle Geschichte der Religion und der kirchlichen Institutionen um eine Geschichte von Frömmigkeit und religiöser Erfahrung erweitert. Auch das Thema Magie, Hexerei und vor allem Hexenverfolgung erlebte durch die historische Anthropologie eine neue Akzentuierung ihrer Frageinteressen auf die Perspektive der betroffenen Frauen hin. Körper und Sexualität sind bevorzugte Themenbereiche historischer Anthropologie und in besonderer Weise gilt dies für eine
Geschlechtergeschichte, die sich als Geschichte unterschiedlicher Erfahrungswelten bei Frauen und Männern begreift. In der Neueren und Neuesten Geschichte hat das Paradigma der historischen Anthropologie sehr viel geringere Orientierungskraft entfaltet. Insbesondere Alf Lüdtke sucht mit diesem Zugriff die subjektive Dimension von Gewalt und Herrschaft im 19. und 20. Jahrhundert zu erschließen, und überträgt sie in die Erforschung des Holocaust, um ihn aus der Akteursperspektive zu erforschen.


Die Probleme historischer Forschung, die sich auf dieses Paradigma verpflichtet haben, ergeben sich in erster Linie aus dem ungeklärten Verhältnis zwischen Mikrostudien und Makrobezügen. Weder wurden bislang erfolgreiche Anstrengungen unternommen, die Forschungsergebnisse der historischen Anthropologie zu einem größeren, konsistenten Bild etwa der frühen Neuzeit oder auch nur eines der bevorzugten Themenfelder zu integrieren, noch ist umgekehrt zu erkennen, welchen Beitrag der Blick auf die Details des Ganzen für unser Wissen um die Form des Ganzen erbringt. Wesentlich wurden bislang Argumente für die Relativierung von Theoriemodellen erbracht, während die produktive Integration von Mikro- und Makroperspektive noch aussteht.

Dies hängt vermutlich mit einer zweiten, von den Protagonisten der historischen Anthropologie selbst nicht wahrgenommenen Hypothek zusammen, die sich aus der Konzentration auf die historischen Akteure ergibt. Fast zwangsläufige Folge dieser Perspektive ist, historische Gesellschaften nur als Interaktionszusammenhänge zu erfassen. Bedeutsam ist nur, was sich zwischen Anwesenden abspielt. Dass es in Gesellschaften höherer Komplexität nicht nur Wirkungs-, sondern auch Kommunikationszusammenhänge gibt, die gegenüber Interaktion unabhängig sind und eine eigene Realität entfalten, wird weder im Begriffsapparat noch im Forschungsaufbau von Untersuchungen reflektiert. Insbesondere für die Geschichte der Frühen Neuzeit wird dies zu einem Problem, weil sich in diesem Zeitraum ein grundlegender Wandel vollzieht, der Gesellschaft und andere Sozialzusammenhänge von Interaktion bereits in hohem Maß entkoppelt. Wenn daher nur Interaktion in den Blick kommt, kann dies nur um den Preis einer nachhaltigen Enthistorisierung der Gegenstände geschehen. Die Forschungen der historischen Anthropologie werden deswegen auch hauptsächlich als fein ausgearbeitete Zustandsbeschreibungen, weniger als ‘Geschichten’ präsentiert. Dazu passt die Forderung, die traditionelle Erzählung durch neue, patchworkartige Textformen zu ersetzen (A. Lüdtke). Entwicklungsprozesse und Veränderungen können deswegen kaum thematisiert werden. Orientiert auf den (begrenzten) Wahrnehmungs-, Erlebnis- und Erfahrungshorizont der historischen Akteure, entwirft die historische Anthropologie ein überwiegend statisches und tendenziell enthistorisiertes Geschichtsbild.

Literatur:

Rainer Beck, Unterfinning. Ländliche Welt vor Anbruch der Moderne, München 1993

Robert M. Berdahl u. a. (Hgg), Klassen und Kultur, Sozialanthropologische Perspektiven der Geschichtsschreibung, Frankfurt/M. 1982

Richard van Dülmen, Historische Anthropologie. Entwicklung, Probleme, Aufgaben, Köln usw. 2000

Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt/M. 1983

Arnold Gehlen, Anthropologische und sozialpsychologische Untersuchungen, Hamburg 1986

Carlo Ginzburg, Mikro-Historie. Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß, in: Historische Anthropologie 1. 1993, 169-192

Carlo Ginzburg, Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600, Berlin 1990

Alf Lüdtke, Die Praxis von Herrschaft. Zur Analyse von Hinnehmen und Mitmachen im deutschen Faschismus, in: B. Berlekamp, W. Röhr (Hrsg.) Terror, Herrschaft und Alltag im Nationalsozialismus, Münster 1995

Alf Lüdtke, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, historische Anthropologie, in: Hans-Juergen Goertz (Hg.), Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbeck 1998, 557-578

Hans Medick, Weben und Überleben in Laichingen, 1650-1900. Lokalgeschichte als Allgemeine Geschichte, Göttingen 1996

August Nitschke, Fremde Wirklichkeiten. Dynamik der Natur und Bewegungen im Menschen, Goldbach 1995

Max Scheler, Schriften zur Anthopologie, hrgs. von: Martin Arndt, Stuttgart 1994