Niels P. Petersson, Universität Konstanz

Unter Globalisierung versteht man die Zunahme weltweiter Interdependenzverhältnisse. Globalisierung ist nicht allein ein Phänomen der Gegenwart. Vereinzelte Kontakte, wie sie durch die Reisen etwa Marco Polos zustande kamen, oder die weitgespannten Handelsnetzwerke der frühen Neuzeit waren noch zu unbedeutend, um als Anzeichen globaler systemischer Verflechtung dienen zu können. Seit dem 19. Jahrhundert allerdings brachten mit der industriellen Revolution einhergehende Neuerungen wie Massenproduktion, Dampfschiffahrt, Eisenbahn und Telegraphie eine qualitative Veränderung mit sich: Es gab nun erstmals global integrierte Güter- und Kapitalmärkte; der weltpolitisch denkende Imperialismus bewertete Macht im globalen Maßstab; die in Europa entstandene Vorstellung einer Welt souveräner Nationalstaaten, die im Verhalten gegenüber Bürgern, Fremden und anderen Staaten einem bestimmten „Zivilisationsstandard“ zu genügen hatten, wurde prägend auch für die außereuropäische Welt.

Eisenbahn

Eine Geschichte der Globalisierung in einem umfassenden Verständnis hat also die Entstehung globaler Handlungs- und Wirkungszusammenhänge zum Gegenstand, in Wirtschaft und Politik ebenso wie in der Kultur und im Bereich der nicht staatlich vermittelten zwischengesellschaftlichen Beziehungen. Zu fragen wäre nach den Grundlagen, Mechanismen und Auswirkungen von Globalisierungsprozessen sowie nach der grundsätzlichen Brauchbarkeit der Kategorie „Globalisierung“: Ist Globalisierung ein Prozeß, der von einer ihm eigenen Dynamik vorangetrieben wird, oder ist sie das Ergebnis politischer Entscheidungen? Läßt sich überhaupt von einem Prozeß der Globalisierung sprechen, oder ist eine vorsichtigere Vorstellung von in verschiedenen Bereichen unterschiedlich dichten und sich nicht unbedingt gleichgerichtet entwickelnden Wirkungs- und Handlungszusammenhängen vorzuziehen?