Marcus Sandl, Universität Konstanz

Erinnerung zählt zu den Grundlagen des menschlichen Lebens. Sie ist Teil des Alltags, besteht dieser doch im wesentlichen aus der permanenten Reproduktion von einmal erlernten und im Gedächtnis verankerten Fähigkeiten. Das gilt selbst für vermeintlich so selbstverständliche Aktivitäten wie Busfahren oder Einkaufen. Daneben gibt es natürlich auch Tätigkeiten im Leben jedes Menschen, die ganz bewusst auf Erinnerung zielen. Dazu gehört die Besichtigung eines Museums oder einer Kirche, die Betrachtung alter Familienfotos oder der Besuch von Gräbern Angehöriger auf dem Friedhof. Der individuelle Drang nach Erinnerung stößt dabei auf kollektive Formen des Gedenkens und Gedächtnisses. Gerade ein Spaziergang über den Friedhof zeigt, wie sehr die individuelle Erinnerung durch kulturelle Voraussetzungen überlagert ist, die je nach ihrem Entstehungsort und ihrer Entstehungszeit variieren können. So reichen die Versuche, die Toten vor dem Vergessen zu schützen, vom schlichten Grabstein bis hin zu monumentalen Skulpturen. Erinnern ist also keine unhistorische Konstante; sie ist eingelagert in kulturelle Formationen, die sich nach Zeit und Ort unterscheiden, mithin geschichtlichem Wandel unterliegen.

Fall der Berliner Mauer

Demonstranten auf der Berliner Mauer 1989.

Besonders deutlich wird dies dort, wo es explizit um die kollektive Erinnerung von Geschichte geht. Hier haben sich eine ganze Reihe von Erinnerungsweisen und Erinnerungstechniken etabliert. Dazu gehören natürlich Denkmäler. Wie sehr sie bewegen, zeigt die jüngste Debatte um das Holocaust-Denkmal in Berlin. Gedenktage sind eine weitere Form der kollektiven Erinnerung. So vergegenwärtigt der 3. Oktober seit 1991 die Wiedervereinigung; er trat damit in Westdeutschland an die Stelle des Tages der deutschen Einheit, der am 17. Juni an den Arbeiteraufstand in der DDR 1953 erinnerte. Ein weiterer wichtiger, zudem äußerst ambivalenter Gedenktag der deutschen Geschichte ist der 9. November, an dem 1918 nicht nur die Republik ausgerufen wurde, sondern 1938 auch die Reichspogromnacht stattfand und 1989 die Berliner Mauer fiel. Gedenktage müssen allerdings keineswegs immer politisch sein. Ursprünglich waren sie vor allem kirchlich; Weihnachten und Ostern sind nur die wichtigsten Termine des umfassenden kirchlichen Feiertagkalenders.