Marcus Sandl, Universität Konstanz

Die Diskursgeschichte beschäftigt sich mit der Geschichte des Wissens und sie tut dies unter bestimmten theoretischen und methodischen Voraussetzungen. Vor allem kommt es ihr darauf an, die untersuchten Theorien, Ideen und Wissenschaften konsequent zu 'historisieren' und zu 'kontextualisieren'. Ganz bewusst setzt sie sich damit von älteren Forschungsstrategien wie der 'Geistesgeschichte', der 'Ideengeschichte' oder den unterschiedlichen Formen der Disziplinengeschichte ab. So entwickelte die 'Geistesgeschichte', die um 1800 im Umfeld des Idealismus und der Romantik entstand, die Vorstellung, die Menschheitsgeschichte zeichne sich durch einen stetigen Wissens- und Erkenntnisfortschritt aus. Dieser Fortschritt wurde durch den 'absoluten Weltgeist' (Georg W. F. Hegel) verkörpert, als dessen Emanationen die einzelnen menschlichen Wissensbereiche galten. In Abgrenzung zur 'Geistesgeschichte' unterstellte die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Friedrich Meinecke) entstandene 'Ideengeschichte' nicht von vornherein einen stetigen Erkenntnisfortschritt. Allerdings behandelte auch sie ihren Gegenstand nicht als Ausdruck einer im engeren Sinne historischen Situation. Ideen erschienen als Ergebnisse einer zeitlosen Vernunft, die alle Menschen unabhängig von ihrem historischen Standpunkt teilten. Insofern galten sie als etwas Zeitloses. In der Disziplinengeschichte, also der Geschichte eines einzelnen Faches, finden sich beide Varianten. Zum einen herrscht auch hier die Vorstellung vom Erkenntnisfortschritt, der in der Regel als Verwissenschaftlichung eines bestimmten Bereiches wie der Wirtschaftstheorie, der Jurisprudenz usw. beschrieben wird. Zum anderen werden ältere Theorien aber auch als zeitlose normative Bezugshorizonte betrachtet.

In den letzten Jahrzehnten ist mit der Diskursgeschichte ein neuer Zugang zum Themenbereich Wissen entstanden. Dieser Zugang ist keineswegs homogen, sondern umfasst durchaus unterschiedlicher Forschungsrichtungen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie sowohl die Vorstellung stetiger Verwissenschaftlichungs- und Rationalisierungsprozesse als auch den Rekurs auf vermeintlich zeitlose Emanationen der menschlichen 'Vernunft' ablehnen. Aus diskursgeschichtlicher Sicht erscheint beides als zu kurz gegriffen. Es soll nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Prozess des Denkens in den Blick genommen werden, um etwas über die konkreten gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen und die kulturell bedingten Verbreitungs- und Wirkungsweisen von Erkenntnissen zu erfahren. Nicht mehr die Kontinuitäten, sondern die Brüche und Einschnitte, die zum Teil fundamental unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und verschiedenen wissenschaftliche Grundstrukturen stehen im Mittelpunkt des diskursgeschichtlichen Interesses.

Ein wichtiger Bezugsautor dieser Richtung wurde Thomas S. Kuhn, der in seiner Abhandlung über die 'Struktur wissenschaftlicher Revolutionen' unterschiedliche naturwissenschaftliche 'Paradigmen' und sogenannte 'Paradigmenwechsel' beschrieb.1 Kuhn bestritt darin die Auffassung, es gebe in der Geschichte der Naturwissenschaften einen gemeinsamen Erkenntnisgegenstand, der über die Zeit hinweg die Kontinuität der Erkenntnisbildung garantierte. Der Erkenntnisgegenstand – also das, über was geforscht wird – ist demnach von der Art und Weise der Forschungsstrategien nicht zu trennen. Er entsteht erst durch die an ihn herangetragenen Fragen.

1 Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main 1967.