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Monika Danner, Universität Konstanz

Dass man mit Bibliotheksbüchern vorsichtig umgehen sollte und zum Beispiel beim Kopieren darauf achten, dass Seiten nicht unnötig zerknickt oder zerrissen werden, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Denn Bücher sind teuer und nicht immer nachzukaufen. Allerdings ist es manchmal sehr verlockend, auch Bibliotheksbücher wie eigene zu behandeln, vor allem beim Hausarbeiten-Schreiben.

Zu diesem Thema verfasste Peter Panter alias Kurt Tucholsky 1931 folgenden Text, der an Aktualität nichts eingebüßt hat...

Kleine Bitte

Wenn einer und er entleiht ein Buch von einer Bibliothek, sagen wir den Marx: Was will er dann lesen? Dann will er den Marx lesen. Wen aber will er mitnichten lesen? Den Herrn Posauke will er mitnichten lesen. Was aber hat der Herr Posauke getan? Der Herr Posauke hat das Buch vollgemalt. Pfui!

Ob man seine eigenen Bücher vollschreiben soll, ist eine andere Frage. (Vgl. hierzu: “Über das Vollschreiben von Büchern, Buchrändern sowie buchähnlichen Gegenständen”; Inaugural-Dissertation von Dr. Peter Panter; der Universität Saarow-Pieskow vorgelegt, meinen lieben Eltern gewidmet.) Mit den eigenen Büchern also beginne man, was man mag. Aber wie verfährt man mit fremden?

Die Preußische Staatsbibliothek, der man die Kosten für eine mittlere Infanterie-Division bewilligen sollte, auf daß sie eine moderne Bibliothek werde, sollte sich auf das schärfste gegen jene schützen, die die Unart haben, entliehene Bücher vollzugeifern, man kann das nicht anders nennen.

Tucholsky

Kurt Tucholsky 1890-1935.

– “Oho!” – “Ganz falsch, siehe Volkmar Seite 564” – “Blödian!” – “Bravo!” – “Nein, diese Theorie ist eben nicht von N. abgelehnt worden!” – “Dumme Frechheit!” ... was soll denn das alles –?

Erstens einmal ist es feige, den Autor anzukrähen: er ist ja nicht dabei und kann sich nicht wehren. Zweitens stört es den nächsten Leser außerordentlich bei der Lektüre: man mag nicht oben auf einer linken Seite zu lesen beginnen, wenn unten rechts etwas angestrichen ist, was man nicht kennt; das Auge wird unruhig, schweift ab... ja, wenn wir das selbst unterstrichen hätten, dann kennen wir auch das Buch, und das ist ganz etwas anderes. Ein Bibliotheksbuch aber gehört allen, und alle sollten es sauber und anständig behandeln.

Stadtbibliotheken und Fachbibliotheken leiden unter dieser Unsitte – wir alle leiden darunter, die wir uns viele Bücher nicht kaufen können. Es ist wie: Stullenpapier im Grunewald liegenlassen.

Kleine Bitte an Bibliotheksbenutzer:

Laßt Marginalien von anderen Leuten schreiben – tut es nicht! Malt nicht die Bücher voll, es ist nicht schön. Zeichnet eure Bemerkungen auf; schreibt nicht so viel in die Bücher hinein, schreibt lieber mehr aus ihnen heraus! Beschimpft den Autor nicht am Rande. Schreibt ihm einen Brief. (...)”

Zitiert nach: Kurt Tucholsky, Gesamtausgabe Texte und Briefe, Bd. 14: Texte 1931, hrsg. v. Sabina Becker, Reinbek bei Hamburg 1998. (in der UB: deu959:t888:a/t97-14).