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Rudolf Schlögl, Universität Konstanz

An dieser Stelle im Entstehungsprozess einer wissenschaftlichen Arbeit wird vielleicht besonders deutlich, was Max Weber sich vorstellte, als er davon sprach, Wissenschaft sei das geduldige Bohren dicker Bretter. Auch wenn sie gelegentlich damit verwechselt wird (nicht nur von Studierenden, sondern auch von bestallten Wissenschaftlern), besteht wissenschaftliche Produktivität nicht in der Sammlung und Anhäufung von Material, sondern eben in der Integration dieser aus Quellen und Forschungsliteratur zusammengetragenen Informationen zu neuem Wissen. Es mag seltene Fälle geben, in denen schon die bloße Agglomeration von zunächst verstreuten Fakten neue Einsichten ermöglicht. Wenn es sich so fügen sollte (was bei ersten Hausarbeiten ohnehin kaum zu erwarten steht), dann wäre es immer noch Aufgabe des eigenen wissenschaftlichen Textes, die Formulierung der neuen Einsicht nicht dem Leser zu überlassen, sondern sie selbst auf den Begriff und zur Darstellung zu bringen.

In der Regel allerdings ist die Hervorbringung neuer Einsichten daran geknüpft, dass im zusammengetragenen Informationsmaterial ungesehene Phänomene und neue Zusammenhänge entdeckt und dann in einer geordneten, für den Leser nachvollziehbaren Argumentation zur schriftlichen Darstellung gebracht werden. Das ‘Geheimnis’ besteht dabei darin, die Informationen in neue Bezüge einzufügen, die den Ursprungskonstellationen, in denen die historisierten Informationen entstanden, auch gerecht werden. Deswegen ist dieser Syntheseprozess durch ein ständiges Hin und Her zwischen eigener Fragestellung und den Informationen aus Quellen und Forschungsliteratur gekennzeichnet. Mitunter wird es sich schon an dieser Stelle ergeben, dass man die Exzerpte als ungenügend genau oder die Perspektive bei der vorgenommenen Verarbeitung von Texten als nicht richtig erkennt und nochmals zu den Texten selbst zurückgeht.

Dieser Verarbeitungsprozess beginnt nicht erst an dieser Stelle, sondern er begleitet die Beschaffung des Materials, d.h. das exzerpierende Lesen der Forschungsliteratur und der Quellen von Anfang an. Nur wer fortlaufend das Gelesene zueinander in Beziehung gesetzt und es aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet hat, gewinnt eine Vorstellung von seinem Thema, die es ihm schließlich erlaubt, es einer eigenen Perspektive zu unterwerfen. Im Verlauf der Materialsammlung ist dies ein zu jedem Zeitpunkt unabgeschlossener Prozess, bei dem bestimmte Einsichten sehr schnell überholt sein oder ihre Wichtigkeit verlieren können. Das ergibt sich ganz einfach aus der fortlaufenden Vermehrung der Informationen, die aufeinander stoßen. Trotzdem ist es wichtig und für die weitere Arbeit eine entscheidende Hilfe, diese Ideen, Einsichten, Fragen, die sich im Verlauf der Beschaffungstätigkeit ergeben, zu dokumentieren, indem man sie separat oder zusammen mit dem Exzerpten notiert.

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