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Rudolf Schlögl, Universität Konstanz

Wenn sich auf dem Weg zum Abfassen eines wissenschaftlichen Textes Kopien, Exzerpte, konzeptionelle Notizen und Gliederungsentwürfe angesammelt haben, so kommt es für die endgültige Ausarbeitung der Textgliederung und das schließliche Schreiben auf eine Aufbereitung dieses Materials an, die es ermöglicht, es unter einer eigenen Fragestellung zu einem neuen Geflecht von Argumenten zu ordnen. Während es bei Kopien genügen mag, sie in einem Ordner zusammenzustellen und ein kleines Titelregister mit Karteikarten oder in einer konventionellen Textverarbeitungsdatei als Erinnerungsstütze zu führen, erweisen sich Exzerpte als das eigentliche Ordnungsproblem. Da es jetzt entscheidend darauf ankommt, mit Hilfe der zusammengetragenen Informationen aus Quellen und Sekundärliteratur eine eigene Perspektive endgültig auszuformulieren, wird die technische oder mediale Form, in der sie vorliegen, schließlich wichtiger, als man es sich beim Exzerpieren selbst vorstellen kann.

Dass und wie man mit Exzerpten später arbeiten muss, sollte man daher bereits bei ihrer Erstellung im Kopf haben und im Hinblick darauf eine taugliche Form wählen. Dies bedeutet häufig sogar für erfahrene Wissenschaftler, wenn sie sich auf neue Themen, neue Quellen und Fragestellungen einlassen, dass solche Entscheidungen mit einem hohen Irrtumsrisiko behaftet sind. Aber im Regelfall entwickeln Wissenschaftler im Laufe ihrer Tätigkeit eine ihrer eigenen Art der Wissens- und Informationsverarbeitung angepasste mediale Form des Exzerptes und der Notizen.
Die Wissenschaftsgeschichte hält bemerkenswerte Beispiele für unterschiedlichste
Notationsformen bereit. Aus Wissenschaftlernachlässen kennt man Konvolute von Blättern ebenso wie Serien von Exzerptheften, in denen die Leseerträge über Jahre hinweg nach Themen geordnet oder einfach auch chronologisch fortlaufend festgehalten sind.

Ordnerberge

Andere vertrauten auf Zettelkästen unterschiedlichster Form und Formats, wobei der Soziologe Niklas Luhmann das derzeit berühmteste Exemplar geschaffen haben dürfte. Er pflegte und beschickte es kontinuierlich während seines gesamten Wissenschaftlerlebens und betrachtete seinen Zettelkasten als einen Kommunikationspartner, der auf gestellte Fragen mit einem gewissen Eigensinn antwortete.
Aus nachgelassenen Wissenschaftlerbibliotheken weiß man auch, dass gelegentlich ausführliche Notizen, Anstreichungen und Glossen in Büchern das Exzerpieren ersetzen sollen. Manchmal ließ man sich von besonders wichtigen Werken, mit denen man häufig arbeitete, ‘durchschossene’ Exemplare anfertigen, bei denen der Buchbinder dann das Buch in der Bindung auflöste und es mit leeren Zwischenseiten wieder zusammenband, so dass ausreichend Schreibraum für Notizen entstand.

Die Erfahrung zeigt (leider), daß Studierende an diesen ‘Buchexzerpten’ insbesondere dann besonderen Gefallen finden, wenn es sich um Bücher aus  Bibliotheken handelt, aber es versteht sich eigentlich von selbst, dass man sich auf diese Form der Wissensaneignung und Wissensverarbeitung erst dann kaprizieren kann und sollte, wenn es die eigenen Bücher (oder Kopien) betrifft.

 

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