Jan beginnt zu schreiben

Es gab sie eben überall: Die Typen, die ihre begrenzten Kenntnisse mit einer großen Klappe tarnten. Beim eigentlich entspannenden Mittags-Kaffee wurde Jan von einem Vertreter eben dieser Spezies mit der Ankündigung übergossen, wie toll und spannend dessen Referat in der darauffolgenden Woche werden würde. Er habe da ein ganz großartiges Buch zur Hand, das ja bekanntlich ein Klassiker der Weltliteratur sei: “Vom Winde verweht”, raunte sein Gegenüber.

Jan konnte sich ein leises Seufzen (auch im Hinblick auf jenen Fernsehabend vor ein paar Wochen) nicht verkneifen. Und je mehr sein Kommilitone ihm von seiner ‘Forschungsarbeit’ vorschwärmte, über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse philosophierte und über das Schicksal der Romanhelden eiferte, desto deutlicher wurde Jans Gewissheit, dass sein Nachbar da etwas grundlegend falsch verstanden hatte.

Selbst wenn man Margaret Mitchell über ihre Absichten beim Verfassen des Buches kaum mehr würde befragen können, so zeigte sich doch schon an Form und Stil des Textes, dass sie kaum um eine Bereicherung der amerikanische Geschichtsschreibung bemüht war.

So fehlten Quellenbelege und Hinweise auf die Bücher, auf die sie ihre Schilderungen stützte oder woher sie ihr historisches Wissen sonst genommen hatte.

Filmplakat

Ein schwülstiger Stil, keine Hauptthese (außer der, das das Leben ein dramatisches ist), fehlende Argumente - niemand konnte am Text ersehen, wo die Dichtung aufhörte und wo gesicherte Erkenntnisse eingeflossen waren. Mit einem Werk der Phantasie konnte man wohl kaum historische Aussagen belegen. Jan wollte es besser machen.

 

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