Jan entdeckt die Quelle

Ehrgeiz und Neugier hatten ihn gepackt. Die ersten Referate des Seminars waren gehalten, die Koryphäen des Faches exzerpiert worden. Der Dozent kritisierte milde und regte zu eigenen Gedanken an. Alle dachten an ihren eigenen ersten Auftritt. Jan wollte mehr als Texte nachbeten. “Dann gehen Sie ins Archiv”, sagte der Prof. Am nächsten Morgen war Jan da. Mit dem Laissez-Passer seines Dozenten öffneten sich ihm wieder ungezählte Regalmeter, unbekannte Ordnungssysteme. Jan streifte wieder durch Gänge, Jahreszahlen, Abkürzungssigel, vorbei an straßenähnlichen Hinweisschildern, betastete und öffnete wahllos die Schuber. “Ruhe”, sagte eine Stimme neben ihm. Eingeklemmt in einer schwach beleuchteten Ecke des Archivs schrieb eine in einen kapuzenbesetzten Umhang gekleidete Gestalt an einem Stehpult. Ehrfürchtig fragte Jan: “Woran arbeiten Sie?” “Ich schreibe die Geschichte auf; Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.” Jan war beeindruckt: “Aber woher wissen Sie denn, was in der Welt geschieht?”

Archiv

Die verhüllte Person sagte: “Ich habe die Akten.” Jan war irritiert: “Gibt es denn kein Leben und keine Geschichte außerhalb der Akten?” Er antwortete: “Das interessiert mich nicht. Alles wichtige findet sich in den Akten.” Jan erwiderte herausgefordert: “Aber meine Geschichte finden Sie nicht in ihren Akten.” - “Meine Geschichte ist so richtig wie Deine. Schreib doch Deine eigene!”
Ein komischer Kauz, dachte Jan, es musste doch einen festen Boden für die Geschichtsschreibung geben.

 

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